„Ja, ich will.“

Marie-Luise nahm im Skill Polymechanik an den WorldSkills Calgary 2009 teil.

Sie ist seit einigen Jahren als Teamleaderin ehrenamtlich für WorldSkills Germany tätig.

Das ist ihre Geschichte:

Marie-Luise Hörisch ist 30 Jahre alt und kommt aus Apolda / Thüringen. Sie ist gelernte Industriemechanikerin und arbeitet derzeit als Lean Management Trainerin / Prozessberaterin bei der Viega Supply Chain GmbH & Co. KG in Großheringen.

Auf der Zielgeraden zum Abitur habe ich mich, wie alle jungen Menschen, den Fragen stellen müssen: Was mache ich nach der Schulzeit? Was fange ich an mit meinem Leben? Welche Ausrichtung wähle ich? Darüber hat man sich bis dahin nur hypothetisch Gedanken gemacht, doch hier ging es um die reale Gestaltung meines Lebens. Für mich stand fest, ich wollte erstmal kein Studium beginnen, sondern Geld verdienen und etwas tun, was mich herausfordert. Meine Mutter arbeitete zu dieser Zeit bei Viega und hat mir von dem guten Ausbildungsprogramm erzählt, welches es dort gibt. „Allerdings nur für technische Berufe wie Industriemechaniker und das erlernen ja nur Jungs.“ Da war sie also, meine Herausforderung. Ich hielt mich für technisch interessiert und begabt – schließlich liegt das „Ingenieurs-Gen“ bei uns in der Familie – und habe mich einfach um einen Ausbildungsplatz beworben. Etwas verwundert fragte man mich beim Vorstellungsgespräch mindestens zehn Mal, ob ich das wirklich wollen würde. Ich bin zielstrebig und interessiert, der Ausbildungsbetrieb hoch angesehen in meinem Umkreis – was hatte ich zu verlieren … also „ja, ich will“. Schließlich bekam ich als erste junge Frau einen Ausbildungsplatz zur Industriemechanikerin bei Viega.

An meinem Beruf fasziniert mich, dass es ein klassischer Beruf ist, der grundlegende technische Aspekte beinhaltet, aber auch Raum zur Weiterentwicklung bietet. So ist das Berufsbild eines Facharbeiters für Industriemechanik in den letzten Jahren vielseitiger und komplexer geworden und stellt sich ebenso den technischen und organisatorischen Notwendigkeiten im Rahmen von Digitalisierung und Industrie 4.0. Die Ausbildung bietet hierfür eine sehr fundierte Grundlage und ist weitreichend anerkannt.

Die dreieinhalbjährige Lehrzeit ging schnell vorbei. Die Inhalte waren sehr vielseitig und reichten von handwerklichen Fertigkeiten über technische Kenntnisse bis zur Umsetzung realer Problemstellungen im beruflichen Alltag – es wurde nie langweilig.

Unser damaliger Lehrmeister Manfred Rechenbach hat uns umfangreich gefordert und gefördert. „Nur unter Druck entstehen Diamanten“ ist ein Ausspruch, welcher mir noch in Erinnerung geblieben ist und mir ein Schmunzeln abverlangt. Seiner Ausbildung und seinem Team habe ich es zu verdanken, dass die Teilnahme bei den WorldSkills möglich war. Durch das Training und die Teilnahme galt mir auch etwas mehr Aufmerksamkeit im gesamten Unternehmen, was ich gar nicht immer realisiert habe. Wenn aber die Kollegen oder die Geschäftsführer mich Azubi gefragt haben, wie es läuft oder der Betrieb ein Fotoshooting für mich organisiert hatte, wusste ich, dass ich etwas Besonderes tue.

Der Beruf des Industriemechanikers ist gefragt und vermittelt Kenntnisse und Fertigkeiten, die in einer großen Bandbreite an Unternehmen in unterschiedlichsten Branchen benötigt werden. Man kann aktiv sein, ist in Bewegung und die Aufgaben sind abwechslungsreich. Außerdem kann man sich auf das ein oder andere Themengebiet auch spezialisieren und bereits während der Lehrzeit oder im Anschluss das Interesse und Können in einzelnen Bereichen vertiefen (z.B. Drehen oder/und Fräsen, Robotik, Fügetechniken usw.).

Ich habe bereits von Berufsweltmeisterschaften gehört, bevor ich in meinem Ausbildungsbetrieb angefangen habe. Viega hat sich schon immer für WorldSkills engagiert und so konnte ich in der Zeitung Berichte von Robert Erdmann und seinem Wettkampf in Japan lesen. Auch Bekannte haben mir davon erzählt. Zu dem Zeitpunkt dachte ich noch, wie toll das wäre, wenn auch ich an so etwas teilnehmen könnte – zu dem Zeitpunkt noch unwissend, dass es irgendwann soweit sein würde.

Bis heute ist es ein einmaliges Erlebnis für mich, daran teilgenommen zu haben und mit keiner anderen Erfahrung vergleichbar. Ich bin stolz darauf, auch wenn ich nur Zehnte geworden bin. Es hat mir gezeigt, was hartes Training bedeutet und dass man für Erfolg Einsatz zeigen muss, aber eben auch eine Portion Glück immer dazu gehört. Neben dem Wettkampf selbst hat auch das Deutsche Team und das Zusammenwachsen mit den über 20 Wettkampfkollegen eine wichtige Rolle gespielt. Alle kämpften in ihrer Disziplin und hatten mal gute und schlechte Momente, über die man sich austauschen konnte. Das Team galt als sozialer Rückzugspunkt … das schweißt unglaublich zusammen. Und doch hat auch jeder die Chance ergriffen, ganz individuelle persönliche Erfahrungen zu machen und auch in den Austausch mit den Teilnehmern der anderen Nationen zu gehen. Es hat sich für mich gezeigt, dass die Welt eigentlich verdammt klein ist und dass die Gefühle, Probleme und Sorgen von jungen Menschen überall ähnlich sind – egal ob aus Neuseeland, USA oder Brasilien. Nur die Bedingungen dort unterscheiden sich vielleicht. Bis dahin waren das für mich ferne Länder, über die man meistens im Rahmen von Klischees meinte, Bescheid zu wissen. Witzigerweise hat sich einiges vielleicht sogar bewahrheitet – so wie wir Deutschen unser Bier gern trinken waren die schwedischen Wettkampfteilnehmerinnen alle mit blonden langen Haaren gesegnet 😉 Das hat meine Neugier auf andere Sprachen und Kulturen nur mehr gestärkt und auch die Freude daran, Deutschland als Teilnehmerin zu vertreten.

Persönlich bin ich während der Vorbereitung aber besonders während der zwei Wochen in Kanada selbstbewusster und offener im Umgang mit Anderen geworden. Ich habe gelernt, was es heißt, mit Struktur und Ausdauer an eine Aufgabe heranzugehen. Das habe ich mir bis heute behalten, ebenso wie den Antrieb, etwas Besonders für mich und für Andere zu schaffen. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum ich immer noch mit WorldSkills Germany als Teamleader verbunden bin. Ich habe gemerkt, dass man Vieles erreichen kann, wenn man will und Arbeit reinsteckt. Daher habe ich mich auch dazu entschlossen, nach meiner Ausbildung einen akademischen Weg einzuschlagen, welcher mich für fünf Jahre zurück auf die Schulbank brachte. Bei Viega, v.a. am Standort in Großheringen, bin ich sehr bekannt geworden und bis heute bringt mir mein Werdegang bei Kollegen positive Anerkennung.

Mein Leben seit den WorldSkills Calgary 2009:
Nach der Teilnahme an den WorldSkills hat mir Viega ein duales Studium angeboten und mich finanziell und organisatorisch bei meinem fünfjährigem Studium in der Fachrichtung Wirtschaftsingenieurwesen bis zum Masterabschluss gefördert. Das hat mir vieles während der Studienzeit erleichtert. Zudem durfte ich ein sechsmonatiges Praktikum an unserem Standort in den USA absolvieren, was zu diesem Zeitpunkt ein absolutes Novum für das Unternehmen war. Nun arbeite ich mittlerweile das zwölfte Jahr für und mit Viega und darf mich in den unterschiedlichsten Themen einbringen. Ich weiß, was ich an der Firma habe und mein Chef weiß, was er an mir hat – das ist ein gutes Gefühl.

Ich bin auf viele Stationen in meinem beruflichen Werdegang sehr stolz. Das beginnt bei dem Abschluss der Berufsausbildung mit Auszeichnung, dem sehr guten Abschluss des Studiums und geht über zu meinem aktuellen Job. Aber sicher gehört der deutsche Meistertitel für Polymechanik und die Teilnahme an den WorldSkills in Calgary immer noch zu den prägendsten und einmaligsten Ereignissen in meiner beruflichen Laufbahn.

Aktuell habe ich keine konkreten Ziele aber ich wünsche mir, dass ich immer beruflich etwas ausüben kann, das mir Spaß macht und das Gefühl verleiht, etwas Richtiges und Wichtiges zu tun. Meine Arbeit soll einen gewissen Wert vermitteln und daher immer auch nah am Menschen sein in einem positiven Miteinander. Handwerkliche Tätigkeiten haben für mich immer noch einen großen Stellenwert, auch wenn sich mittlerweile mein Fokus in meiner derzeitigen Tätigkeit etwas verändert hat, z.B. der kulturelle Fortschritt in einer Abteilung, den Aha-Effekt eines Mitarbeiters oder gemeinsames Lernen an neuen Aufgabenstellungen. Vielleicht komme ich ja irgendwann wieder mehr zum Drehen und Fräsen zurück … Selbstständigkeit wäre hierfür eine Möglichkeit.

Ich würde jungen Menschen unbedingt empfehlen, an beruflichen Wettbewerben teilzunehmen. Ich habe es an mir gesehen und sehe es auch immer wieder als Teamleaderin bei den jetzigen Teilnehmern. WorldSkills verändert einen. Es lässt einen fachlich und persönlich wachsen, sensibilisiert im Miteinander mit fremden Kulturen sowie Menschen und hilft, offener zu werden und sich Problemen zu stellen, die manchmal ganz plötzlich auf einen zukommen können. Innerhalb kürzester Zeit lernt man als Teil des Deutschen Teams, dass Zusammenhalt wichtig ist und dass man dieses tolle Gefühl mit Menschen kreieren kann, die die gleichen Interessen teilen. Man ist selbst für sich verantwortlich und für die Gestaltung des eigenen Tuns, seiner Ziele und deren Erreichung. Das gibt einem unglaublich viel für die Entwicklung einer starken Persönlichkeit.

Berufliche Wettbewerbe bringen die Welt ein Stück näher zusammen. Sich mit anderen zu messen hilft, ein Verständnis für sich selbst aufzubauen und der Vergleich befähigt einen zur Weiterentwicklung. Das gilt nicht nur für einzelne Teilnehmer, sondern auch für ganze Nationen. Daher ist die Förderung und kontinuierliche weitere Ausrichtung von Berufswettbewerben wichtig. Daraus sollte die Erkenntnis erwachsen, dass der Beitrag für junge Menschen und deren Förderung zur Teilnahme gute Fachkräfte mit Mut und Stärke hervorbringt und somit einen wesentlichen Beitrag in unsere Facharbeiterlandschaft leistet. Für Deutschland geht es ebenso um die Reflektion unseres Bildungssystems und der Fokusausrichtung von Politik und Wirtschaft. Berufliche Wettbewerbe können einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft leisten, in welchem Rahmen ist dabei abhängig von jedem Einzelnen und seiner subjektiven Überzeugung davon. Wer einmal die Veränderung der Teilnehmer beobachten konnte, den lässt das Thema nicht mehr los. Doch leider gibt es viel zu viele unter uns, die nichts oder nur sehr begrenzt von beruflichen Wettbewerben gehört, geschweige denn diese erlebt haben.

Mein abschließendes Statement:
Es bleibt spannend.

Eure Marie-Luise