Im Gespräch mit Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger

Ende April 2022 trat Bettina Stark-Watzinger, Bundesministerin für Bildung und Forschung, bei einem virtuellen Empfang der Deutschen Berufe-Nationalmannschaft der EuroSkills Graz 2021 in den Austausch mit EM-Champions und betonte die Bedeutung von hervorragend ausgebildeten Fachkräften. Nun sprach WorldSkills Germany mit ihr darüber, wie zukünftig mehr junge Menschen für eine Ausbildung gewonnen werden sollen und welche Projekte ihr in der beruflichen Bildung besonders wichtig sind.

Bundesministerin für Bildung und Forschung Bettina Stark-Watzinger  findet berufliche Wettbewerbe faszinierend. Sie bringt den Teilnehmer*innen ihre Hochachtung entgegen. (Foto: Hans-Joachim Rickel / BMBF)

Warum ist die europäische Berufsbildungspolitik so wichtig für uns?
Deutschland liegt in der Mitte Europas, wir sind auch wirtschaftlich eng verflochten mit unseren europäischen Partnern. Die europäischen Bildungs- und Austauschprogramme wie das erfolgreiche Bildungsprogramm Erasmus+ haben für den Lebensweg vieler Auszubildender und junger Berufstätiger entscheidende Weichen gestellt. Mich freut sehr, dass wir uns erfolgreich dafür eingesetzt haben, das Budget von Erasmus+ in der neuen Programmgeneration nahezu zu verdoppeln. Mit einem starken Fokus auf Chancengerechtigkeit und Integration wollen wir noch mehr jungen Menschen diese Erfahrungen ermöglichen.

Welche Projekte bezüglich der beruflichen Bildung liegen Ihnen am Herzen und wollen Sie zügig voranbringen?
Wir brauchen in Deutschland dringend gut ausgebildete Fachkräfte, damit wir die digitale und ökologische
Transformation schaffen. Wir brauchen sie, um Wohlstand und Innovationskraft unseres Landes zu sichern. Dafür müssen wir die Aus-, Fort- und Weiterbildung noch attraktiver machen. Das ist das Ziel unserer Exzellenzinitiative Berufliche Bildung. Ich will außerdem die Berufsbildung fit für die Zukunft machen. Die aktualisierte Nationale Weiterbildungsstrategie soll künftig zielgenauer Unternehmen und Beschäftigte bei der Gestaltung des digitalen Wandels unterstützen. Zur Zukunftsfähigkeit gehören außerdem Aktivitäten wie die nationale Digitalisierungsstrategie mit der Vernetzung der Weiterbildungsplattformen und der Nutzung von Künstlicher Intelligenz in der Berufsbildung, die Entwicklung neuer Qualifikationsprofile im Zuge technologischer Innovationen wie Batterieforschung und Grünem Wasserstoff.

Im Jahr 2021 blieben über 63.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Wie möchten Sie Unternehmen darin unterstützen, freie Ausbildungsstellen erfolgreich zu
besetzen? Mit welchen Mitteln wollen Sie junge Menschen dazu motivieren, sich für eine Berufsausbildung zu entscheiden?
Die hohe Zahl an unbesetzten Ausbildungsplätzen stellt unsere Betriebe angesichts des steigenden Fachkräftebedarfs vor große Herausforderungen. Gemeinsam mit unseren Partnern der Allianz für Aus- und Weiterbildung haben wir uns das Ziel gesetzt, ausbildungsinteressierten Menschen einen Weg aufzuzeigen, der ihr oder ihm frühestmöglich eine passende betriebliche Berufsausbildung vermittelt. Wir wollen deutlich machen: Eine Ausbildung ist ein toller Einstieg ins Berufsleben. Ein Ausbildungsberuf bietet ein sicheres Einkommen und sehr gute Karriereperspektiven. Mit Maßnahmen wie dem „Sommer der Berufsbildung“ oder der Kampagne „Die Duale“ und dem Berufsorientierungs-Portal „BerufeNavi“ wollen wir die Stärken und die vielfältigen Aufstiegschancen der beruflichen Bildung in der Öffentlichkeit noch sichtbarer machen und mehr junge Menschen für die duale Berufsausbildung begeistern. Dafür wollen wir deutlich machen, dass eine Ausbildung einem Studium zum Karrierestart in nichts nachsteht. Zudem fördert mein Ministerium die Berufsorientierung, um alle jungen Menschen frühzeitig über die vielfältigen Möglichkeiten der beruflichen Bildung gut zu informieren.

Warum sind die Durchlässigkeit und die Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung mit der Hochschulbildung so wichtig?
Weil wir exzellente Fachkräfte aus der beruflichen Bildung und der Hochschulbildung gleichermaßen für eine gute Zukunft brauchen. Die Arbeits- und Berufswelt ändern sich rasant. Die Chancen der Digitalisierung oder der Energiewende lassen sich nur mit gut ausgebildeten Fachkräften nutzen, egal ob mit einer beruflichen Ausbildung oder einem Studium. Schon heute ist der Fachkräftemangel in vielen Bereichen eine Herausforderung. Es geht darum, jeder und jedem den passenden Bildungsweg zu eröffnen und attraktive Durchstiege anzubieten, damit sie ihre individuellen Potenziale bestmöglich nutzen und zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen einbringen können. Deshalb haben wir die Verbesserung der Durchlässigkeit von beruflicher und akademischer Bildung explizit im Koalitionsvertrag aufgenommen.

Was fasziniert Sie persönlich an den beruflichen Wettbewerben?
Die große Stärke unserer Berufsbildung ist, dass die jungen Menschen ihre Fertigkeiten praxisnah unter realen Bedingungen im Betrieb erwerben. Es ist dann faszinierend zu sehen, wie sie das Gelernte unter Wettkampfbedingungen mit hohem Zeitdruck punktgenau in höchster Qualität abrufen. Das beeindruckt mich sehr! Ich möchte hier jedem einzelnen meine Hochachtung aussprechen – das gilt natürlich umso mehr, wenn sie die Medaillen-Plätze belegen.