Dieser Beitrag erschien in Auszügen im WorldSkills Germany Magazin – Ausgabe 22 (April 2022). Lernen Sie unser Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen kennen >>

Persönliche Weiterentwicklung ist für Weiterbildungsanbieterin Elke Reuschel (r.) ein wichtiger Punkt für eine erfolgreiche Ausbildung. (Foto: trainInstinct)
Alexios hat Angst. Schon zwei Mal ist er durch die mündliche Abschlussprüfung gefallen. Im Betrieb erzielt der 20-jährige Deutsch-Grieche gute Arbeitsergebnisse und auch seine Berufsschulnoten lassen nichts zu wünschen übrig. Aber sobald er eine Präsentation halten soll, verlässt ihn der Mut. Ihm bleiben buchstäblich die Worte im Hals stecken. Alexios ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, und absolviert eine Ausbildung als Logistikkaufmann in einem Großhandelsunternehmen. Jetzt steht er plötzlich kurz vor dem Aus seiner beruflichen Träume und überlegt ernsthaft, abzubrechen.

Elke Reuschel, Geschäftsführerin des Weiterbildungsanbieters trainInstinct kennt das Problem. Das Unternehmen hat sich u. a. auf das Coaching von Auszubildenden spezialisiert. „Ausbildungsabbrüche geschehen meist nicht aus unvermeidbaren Gründen wie Allergien oder Insolvenz, sondern viel öfter aus betrieblichen und persönlichen Motiven. Je besser das Vertrauensverhältnis zwischen ausbildendem Unternehmen und Auszubildendem, desto einfacher ist es, eine Lösung zu finden.“

Eine funktionierende Feedbackkultur, ausreichend Wertschätzung und klare Strukturen nennt die Expertin als Erfolgsgarant für eine gute Ausbildung. Meist seien es gerade weiche Faktoren, die über Abbruch oder Fortsetzung einer Ausbildung entscheiden würden. Das unterstreichen auch die Expertinnen, die im Beitrag „7 Tipps, wie Sie junge Menschen in der Ausbildung fördern können“ Wort kommen.

Ganzheitliches Ausbildungskonzept als Erfolgsfaktor

Eine große Herausforderung für Unternehmen sieht Reuschel in der mangelnden Kommunikationsfähigkeit der Generation Z. „Auch wenn junge Menschen heute viel selbstbewusster auftreten als früher, sind sie doch oft unsicher im Umgang mit anderen. Sie kennen sich in der digitalen Welt aus, aber wie sie am Telefon jemanden ordentlich begrüßen, wissen sie oft nicht.“

Das sieht Timo Weber, Geschäftsführer der Visco Jet Rührsysteme GmbH, ähnlich. Das Unternehmen bietet Rührwerklösungen für verschiedene Branchen an, beispielsweise für die Lebensmittelindustrie, die Kosmetikbranche oder die Pharma- und Chemieindustrie. 32 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in dem mittelständischen Familienunternehmen beschäftigt, darunter acht Azubis in den drei Ausbildungsberufen technische/r Produktdesigner/in und Mechatroniker/in. „Wir stellen immer mehr fest, dass wir neben den fachlichen Kompetenzen auch grundsätzliche Fähigkeiten und Sozialkompetenzen vermitteln müssen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und grundlegende Kommunikationsregeln.“ Für den Geschäftsführer ist Ausbildung Chefsache. „Es braucht ein ganzheitliches Konzept, um Auszubildende zu gewinnen und zu halten. Dazu gehören für mich vor allem ein attraktives Ausbildungsangebot und eine persönliche und umfassende Betreuung im Betrieb.“

Die Auszubildenden bei Visco Jet durchlaufen alle Abteilungen des Unternehmens ein Mal. (Foto: Visco Jet Rührsysteme GmbH)
Visco Jet versteht sich als familiengeführter attraktiver Arbeitgeber und hat ein umfangreiches Ausbildungskonzept entwickelt, das potenzielle Auszubildende im Voraus einsehen können. Während ihrer Ausbildung durchlaufen sie alle Abteilungen – unabhängig vom Ausbildungsberuf. So erhalten sie ein vollumfängliches Bild des Unternehmens. In jeder Abteilung stehen ihnen Ausbildungsbeauftragte zur Seite. Zudem gibt es im Unternehmen eine Ausbildungsverantwortliche, die sich zusätzlich um die Betreuung der Auszubildenden kümmert. „Das ist ein Eigengewächs“, schmunzelt Weber. „Sie hat bei uns bis 2019 ihre Ausbildung als Industriekauffrau absolviert und danach schnell die Verantwortung für das komplette Ausbildungskonzept übernommen, natürlich in Anlehnung an den IHK Rahmenplan.“

Auch die DMG Mori AG setzt auf eine ganzheitliche Betreuung und ein fundiertes Ausbildungskonzept. Ein ganzes Team von Vollzeit-Ausbilderinnen und -Ausbildern steht den Azubis fachlich und persönlich zur Seite, berät und motiviert als Lernbegleitung. Der international agierende Hersteller von Werkzeugmaschinen beschäftigt über 6.800 Mitarbeitende weltweit. 225 von ihnen durchlaufen zurzeit eine Ausbildung in den Bereichen Mechatronik, Industriemechanik, Elektronik, Zerspanungsmechanik, Technisches Produktdesign, Lagerlogistik, Fachinformatik und Produktionstechnologie sowie als Industriekauffrau bzw. Industriekaufmann. Daneben bietet das Unternehmen zahlreiche duale Studiengänge.

Die DMG Mori Academy bildet Fachkräfte auch nach dem WorldSkills-Prinzip des Lernens im Wettbewerb weiter. (Foto: DMG Mori Academy)

Persönliche Weiterentwicklung durch Projektarbeit

„Die Berufsausbildung bei DMG Mori gliedert sich in vier Phasen, beginnend mit der Grundausbildung im Ausbildungscenter“, erläutert Jan Scharffenberg, Manager Konzernausbildung. „Bereits hier stellen wir Zukunftsthemen in den Fokus, zum Beispiel mit den Modulen ‚Grundlagen der Digitalisierung‘ und ‚Digitales Lernen‘.“ Nach 18 Monaten findet der 1. Teil der Abschlussprüfung statt. In der 2. Phase durchlaufen Auszubildende die jeweiligen Fachabteilungen. Nach der 3. Phase mit einem praktischen Teil bildet die 4. Phase den Abschluss der Ausbildung. Die Auszubildenden werden in ihrer jeweiligen Zielabteilung eingesetzt und bereiten sich auf die finalen Abschlussprüfungen vor. Abgerundet wird die Phase durch zusätzliche Lernangebote, wie einen Grundkurs zur Automatisierung.

Einen Schwerpunkt der Ausbildung setzt DMG Mori auf Projektarbeit, bei der die Auszubildenden viel Freiraum für eigene Ideen erhalten und ihre Fähigkeiten in interdisziplinären Teams schulen können. „Unsere Azubis setzen dann in unserem ,Smart Education Center‘ ein ganzheitliches Ausbildungsprojekt um“, so Scharffenberg. „Hier bauen sie unter Anleitung – aber selbstständig – komplette Maschinen für unsere Kunden. Das fördert die Arbeit im Team und schafft ein Verständnis für die komplexen Zusammenhänge in unseren Hightech-Maschinen.“ Besonders leistungsstarke Azubis fördert DMG Mori zusätzlich mit Einsätzen auf Messen und in Kundenprojekten mit besonders hohen Anforderungen oder bei den Berufemeisterschaften WorldSkills. Und das mit Erfolg: Das Unternehmen hat bereits fünf Deutsche Meister und vier Vizemeister im CNC-Drehen hervorgebracht und auf internationaler Ebene dreimal die „Medallion for Excellence“ erhalten.

Bei Visco Jet spielt die Projektarbeit ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Auszubildenden sollen lernen, als Team zusammenzuwachsen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Wie beim sogenannten „Müll-Projekt“: „Unsere Azubis hatten gemeinschaftlich die Aufgabe, das Thema Ressourcenverschwendung im Unternehmen genau anzuschauen“, erläutert Geschäftsführer Weber. Sie haben dann ein komplettes Lösungskonzept mit verschiedenen Maßnahmen aufgestellt. Bis heute nutzen wir zum Beispiel unseren Kaffeesatz und düngen damit unsere betriebseigenen Pflanzen.“
Methoden- und Sozialkompetenz sollen damit entwickelt und geschult werden. Neben den Projekten treffen sich alle Auszubildenden jede Woche zu einem eigenen Jour fixe, bei dem sie sich austauschen und über verschiedene Themen diskutieren. „Wir wollen jungen Menschen einfach eine bestmögliche Ausbildung bieten und vor allem die richtigen Anreize zur persönlichen Weiterentwicklung setzen“, sagt Weber.

Persönliche Weiterentwicklung ist auch für Weiterbildungsanbieterin Elke Reuschel ein wichtiger Punkt für eine erfolgreiche Ausbildung, aber auch eine unternehmerische Herausforderung. „Die Heterogenität ist heute besonders groß, Jugendliche mit unterschiedlichsten Bildungsbiografien und kulturellem Hintergrund treffen in der Berufsschule und im Betrieb aufeinander. Jeder bringt andere schulische oder sprachliche Qualifikationen mit.“ Das mache es für Unternehmen besonders schwierig, da jeder Einzelne gemäß seinem Ausbildungsstand und seinen Voraussetzungen individuell gefördert werden müsse. Projektarbeit sei unter diesem Aspekt besonders wichtig. Zudem rät die Expertin zur Vernetzung der Auszubildenden. „Das erzeugt soziale Nähe, und der Erfahrungsaustausch macht Mut, selbst neue Schritte zu wagen.“

WorldSkills-Bundestrainer Hanno Hapke (l.) und Tim Zelmer, Sieger der Deutschen Meisterschaft CNC-Drehen 2014. (Foto: Jörg Wehrmann)

Sprache der Auszubildenden sprechen

Für eine solche individuell angepasste Lernkultur nutzt DMG Mori moderne Medien. Den Auszubildenden steht eine digitale Lernplattform zur Verfügung, die ein personalisiertes Fördern und Fordern erlaubt. Über eine konzernweite Weiterbildungsplattform haben sie Zugriff auf Konzern-Know-how. „In Workshops erarbeiten wir mit unseren Auszubildenden auch eigene digitale Lerninhalte. Das schafft maximale Transparenz und ein tolles Wir-Gefühl zwischen Azubis und Ausbildern – ein Booster für die Motivation auf beiden Seiten“, so Scharffenberg.

Die richtige Ansprache der Jugendlichen betrachtet auch Reuschel von trainInstinct als elementar. Individuelle Ansprache gelinge heute am besten über digitale Medien. Die Geschäftsführerin und ihr Team haben deshalb ein Computerspiel entwickelt, mit dem Auszubildende zwanglos Grundkompetenzen erwerben, wie die Begrüßung am Telefon sowie erste Schritte beim Verfassen von E-Mails und beim Umgang mit MS Office. „Das Thema ‚Lernen lernen‘ gewinnt mehr und mehr an Bedeutung, und mit dem Spiel können Unternehmen für die Selbstlernphase ihrer Auszubildenden einen spielerischen Anreiz schaffen. Das motiviert.“

Investition in die eigene Zukunft

Den entscheidenden Erfolgsfaktor sieht Timo Weber von Visco Jet in der Bedeutung, die der Ausbildung in der eigenen Organisation zukommt, unabhängig von der Unternehmensgröße. Sei das Thema nicht hoch genug aufgehängt, fehle das Verständnis innerhalb des Unternehmens. Darunter leide die Qualität der Ausbildung. „Bei uns ist Ausbildung Teil unseres Selbstverständnisses und gehört zu unserer gesellschaftlichen Verantwortung. Natürlich kostet das Zeit, Geld und Mühe“, so der Firmeninhaber. Angesichts des Fachkräftemangels sei Ausbildung jedoch „immer noch eine lohnende langfristige Investition in das eigene Unternehmen“.

Jan Scharffenberg von DMG Mori stimmt dem zu. Ausbildung sei immer eine Teamleistung: vom höchsten Management über alle Abteilungen hinweg bis zum Azubi selbst. Selbstverständlich koste Ausbildung Geld – „aber keine Ausbildung ist viel teurer. Wir investieren schließlich in unsere eigene Zukunft.“

Apropos eigene Zukunft: Auch der angehende Logistikkaufmann Alexios hat gemeinsam mit seinem
Ausbildungsbetrieb eine Lösung gefunden. Das Team von trainInstinct hat ihn schrittweise gecoacht und so gezielt auf die mündliche Prüfung vorbereitet. Mit Erfolg: Alexios hat die Prüfung bei seinem dritten Anlauf bestanden und wurde von seinem Ausbildungsbetrieb übernommen.

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