Zusatzqualifikationen zur frühzeitigen Exzellenzförderung

Dieser Beitrag erschien in Auszügen im WorldSkills Germany Magazin – Ausgabe 22 (April 2022). Lernen Sie unser Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen kennen >>

Für Nico Schönefeldt, Bereichsleiter Ausbildung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag, beginnt Exzellenzförderung bereits in der Berufsorientierung. (Foto: DIHK/Marko Prieske)
Instrumente und Maßnahmen, um Exzellenz in der beruflichen Bildung zu fördern, sind in Deutschland bereits vorhanden. Das Land müsse hier nicht bei null anfangen, sagt Nico Schönefeldt, Bereichsleiter Ausbildung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Mit der Redaktion sprach er über weitere Potenziale der Exzellenzförderung, wie Berufsschulen und Unternehmen sich des Themas annehmen und welche Bedeutung dies für junge Fachkräfte hat.

Seit 2006 ehrt der DIHK Deutschlands beste IHK Absolventinnen und -Absolventen. Warum ist es Ihnen wichtig, Exzellenz in der beruflichen Bildung hervorzuheben?
Im IHK-Bereich gibt es rund 250 verschiedene Ausbildungsberufe, für die sich junge Menschen nach der Schule entscheiden können. Jährlich legen rund 300.000 junge Menschen ihre Abschlussprüfungen in einem IHK-Beruf ab. Wenn es einem Azubi dann gelingt, in seinem oder ihrem Beruf als der oder die Beste in ganz Deutschland abzuschneiden, ist diese besondere Leistung eine Würdigung auf ganz großer Bühne wert. Darum veranstalten wir seit 2006 mit jeweils rund 1.000 Gästen unsere Bundesbestenehrung in Berlin, die in alle Regionen Deutschlands strahlt. Unsere Feier ist eine große Leistungsschau der beruflichen Bildung insgesamt, stellt unsere vielen spannenden IHK-Berufe ins Rampenlicht und beweist, dass Exzellenz nicht nur im akademischen Bereich, sondern auch durch Praxis entsteht.

In den vergangenen Jahren betrug der Anteil der Abiturientinnen und Abiturienten unter den Auszubildenden in Industrie, Handel und dem Dienstleistungsbereich konstant rund 35 Prozent. Spiegelt der Schulabschluss bzw. Abschlussnoten Ihrer Meinung nach wider, wie talentiert junge Menschen für eine Ausbildung sind?
Das Talent eines jungen Menschen für eine Ausbildung allein an den Schulnoten festzumachen, greift sicher zu kurz. Die Unternehmen erwarten zurecht ein Mindestmaß an Deutsch- und Mathekenntnissen, die essenziell sind, um eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Wichtig sind aber auch die persönliche Eignung und der feste Wille, sein Ziel zu erreichen. Das spiegeln uns auch die Unternehmen wider, wenn sie in unserer DIHK- Ausbildungsumfrage mit rund 70 Prozent angeben, dass sie Leistungsschwächeren Ausbildungschancen geben und sie auch durch eigene Nachhilfe auf ihrem Ausbildungsweg unterstützen. Das Schulzeugnis ist für die Betriebe laut unserer DIHK-Ausbildungsumfrage zwar weiter das zweithäufigste Instrument der Wahl zur Eignungsfeststellung. Auf Platz eins liegt aber das Bewerbungsgespräch. Hier können sich die Unternehmen einen guten Eindruck von Motivation und Persönlichkeit machen.

Aus der Ausbildungspraxis schildern Unternehmen, dass mangelnde Kenntnisse etwa in Deutsch, Mathe oder Naturwissenschaften oft durch Nachhilfe ausgeglichen werden können. Fehlendes Interesse am Beruf, mangelnde Einsatzbereitschaft oder Sozialkompetenzen sind hingegen viel schwieriger wettzumachen.

Und um Ihre Frage zu den Abiturientinnen und Abiturienten zu beantworten: Im IHK-Bereich hat 2007 ungefähr jeder vierte Azubi eine Ausbildung mit Abitur begonnen; inzwischen ist es gut jeder dritte Azubi. Dass die Berufe des IHK-Bereichs so gut bei Abiturienten ankommen, freut uns und ist nicht zuletzt auf das intensive Werben der Unternehmen um leistungsstarke junge Menschen zurückzuführen.

Industriemechaniker Franz Radestock erhielt von seinem Unternehmen viel Unterstützung während der Ausbildung. 2019 war er bei der WM der Berufe in Kasan dabei. Heute ist er selbst Ausbilder. (Foto: Frank Erpinar)

Braucht Deutschland in der beruflichen Bildung eine konkretere Strategie zur Förderung von Exzellenz in der beruflichen Bildung? Wenn ja, wie könnte diese Ihrer Meinung nach auch bundesländerübergreifend aussehen?
Es ist nicht so, dass Deutschland in Sachen Exzellenzförderung in der beruflichen Bildung bei null anfangen müsste. So fördert die Stiftung Begabtenförderung Berufliche Bildung (SBB) mit ihren Stipendien seit Jahren Talente in der beruflichen Bildung. Die neue Bundesregierung will Exzellenzförderung laut Koalitionsvertrag weiter stärken, eine Exzellenzinitiative Berufliche Bildung auf den Weg bringen und die Begabtenförderungswerke des Bundes für die berufliche Bildung öffnen. Ich bin sehr gespannt auf die konkrete Ausgestaltung.

Ich finde es wichtig, leistungsfähige junge Menschen schon während der Ausbildung frühzeitig zu fördern, sei es durch ein reichhaltiges Angebot an Zusatzqualifikationen, die über die Ausbildungsinhalte hinausgehen, oder über Auslandspraktika. Hier gibt es das Netzwerk „Berufsbildung ohne Grenzen“, das Unternehmen und Azubis dabei hilft, Teile der Ausbildung im Ausland zu absolvieren. Win-win für beide Seiten: Die Azubis erweitern ihre Sprachkenntnisse und machen wichtige kulturelle und soziale Erfahrungen. Die Betriebe sorgen für künftige Fachkräfte mit umfassenden Kompetenzen. Ich bin sehr dafür, diese Strukturen auszubauen zu einem Deutschen Beruflichen Austauschdienst (DBAD) analog zum existierenden Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im akademischen Bereich.

Niklas Meiser (l.) und Moritz Roth wurden als Mechatronik-Auszubildende durch die Teilnahme an den Deutschen Meisterschaften Industrie 4.0 bereits in der Ausbildung gefördert. 2023 werden sie Deutschland bei den EuroSkills vertreten.

Ab wann wäre eine solche Exzellenzförderung besonders sinnvoll? Was wären die Vorteile in der Schul- und Ausbildungszeit oder dann, wenn sich Fachkräfte durch sehr gute Ausbildungsabschlüsse als besonders leistungsstark zeigen?
Die Lernforschung zeigt, dass der Grundstein für den Bildungserfolg bereits in der frühen Bildung gelegt wird und Bildungsdefizite nur schwer aufzuholen sind. Es gilt daher schon frühzeitig und entlang der gesamten Bildungskette anzusetzen, um junge Talente schulisch und außerschulisch zu fördern, für die berufliche Bildung zu begeistern und sie darin zu unterstützen, den für sie passenden Beruf und Weg als künftige Fach- oder Führungskraft in den Unternehmen zu wählen. Aus den Erkenntnissen der Bildungsforschung können Sie daher auch schlussfolgern: Wer weiß, wo die eigenen Interessen liegen und welches die individuellen Talente sind, kann diese Bereiche leichter stärken. Das kann so weit gehen, dass man die eigene Berufung zum Beruf macht.

Ein gutes Beispiel ist die MINT-Förderung. Hier machen viele Unternehmen und IHKs schon im frühkindlichen- und Grundschulbereich Angebote, um Interesse an den Themen Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und Technik zu wecken, zu halten und weiter auszubauen. Exzellenzförderung beginnt schon früh, mit der Berufsorientierung und dem praxis- und erfahrungsorientierten Kennenlernen verschiedener Berufsfelder. Wichtig ist es auch, Eltern einzubinden und die berufliche Ausbildung – auch für leistungsstarke Jugendliche und an Gymnasien – als attraktive und gleichwertige Alternative zur akademischen Laufbahn zu bewerben. Die vielfältigen Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten können dabei überzeugende Argumente sein.

Nach dem zweiten Platz bei den Deutschen Meisterschaften Industriemechanik 2019 gewann Tim Herrmann bei der EM der Berufe 2021 in Graz die Goldmedaille. (Foto: Frank Erpinar)

Wie können Berufsschulen und Betriebe in Zukunft begabte junge Fachkräfte in pädagogischer Sicht noch besser fördern? Haben Sie ggf. ein konkretes Beispiel, wie dies schon heute umgesetzt wird?
Durch eine Ausbildung wird neben beruflicher Handlungsfähigkeit nicht nur die Fachkompetenz entwickelt, sondern nicht zuletzt auch die Sozialkompetenz der Auszubildenden gefördert. Durch unsere DIHK-Ausbildungsumfrage und Berichte aus Unternehmen wissen wir, dass in der Arbeitswelt immer mehr Wert auf soziale Fähigkeiten bzw. Soft Skills wie Kommunikations-, Kooperations- und Teamfähigkeit gelegt wird.

In einer sich immer schneller wandelnden Arbeitswelt werden auch Kompetenzen wie Adaptionsfähigkeit, Kreativität und Problemlösungsfähigkeit und sogenannte „Future Skills“ immer wichtiger. Im Zuge der dualen Berufsausbildung wird das neben der Technikoffenheit der Ausbildungsordnungen durch die pädagogische Begleitung der Auszubildenden durch geschulte Lehrkräfte in den beruflichen Schulen sowie die Ausbilderinnen und Ausbilder in der betrieblichen Praxis vermittelt. Die dualen Partner – Berufsschule und Ausbildungsunternehmen – fördern zum Beispiel Teamarbeit und unternehmerisches Denken und Handeln durch Planspiele, Wettbewerbe und Schülerfirmen.

Schließlich ist es nicht zuletzt für die Unternehmen entscheidend, dass es Talenten der beruflichen Bildung gelingt, Innovationen in die berufliche Praxis, Produkte und Dienstleistungen zu übersetzen. Das Zusammenspiel von Theorie und Praxis in der dualen Ausbildung unterstützt das sehr zielgerichtet.

Was würde eine solche Förderung für die Auszubildenden selbst bedeuten?
Eine solche Förderung fördert Selbstbewusstsein, Motivation und Einsatzbereitschaft der Auszubildenden. Hieraus können sich individuelle Fach- und Führungskarrieren bis zum Unternehmertum auf der Grundlage der dualen Erstausbildung ergeben. Eine darauf aufbauende Höhere Berufsbildung kann zusätzliche Perspektiven eröffnen. Es muss aber nicht immer die „steile“ Karriere sein. Auch die mit einer solchen Förderung einhergehende Wertschätzung, eine daraus resultierende größere (Selbst-)Sicherheit und persönliche Zufriedenheit im Beruf sind ein großer Gewinn – ebenso wie das persönliche Netzwerk, das sich aus einer solchen Förderung ergeben kann.

Weitere Fachbeiträge und Best-Practices finden Sie im WorldSkills Germany Magazin, dem Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen.

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