Was Deutschland vom Nachbarn lernen kann

Dieser Beitrag erschien in Auszügen im WorldSkills Germany Magazin – Ausgabe 22 (April 2022). Lernen Sie unser Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen kennen >>

Foto: SkillsAustria
Kann man aus jedem Durchschnittsazubi eine exzellente Fachkraft machen? Zumindest ist es mit der richtigen Förderung möglich, extra Potenzial zu entdecken, fördern und weiterzuentwickeln. Hinzu kommt: Mit entschlossenem Talentscouting lässt sich eine größere Zahl junger Menschen für eine Karriere in Ausbildungsberufen begeistern. Dieses Gedankenexperiment ist in einem Bundesland in Österreich längst Realität geworden.

Gute Fachkräfte sind Mangelware. Erst im Februar dieses Jahres meldete das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (Kofa) des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) anlässlich seines Jahresrückblicks Alarmierendes: Die Fachkräftelücke, also die Zahl der offenen Stellen, für die es rechnerisch bundesweit keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt, habe sich im Jahresverlauf 2021 mehr als verdoppelt. Besonders ausgeprägt sei der Anstieg der Fachkräftelücke bei Fachkräften mit abgeschlossener Berufsausbildung. Während alle Berufsbereiche von steigenden Engpässen betroffen seien, fehlten am meisten Fachkräfte zum Beispiel in der Pflege oder im Bau.

Ähnlich stellt sich auch noch die Situation bei unseren Nachbarn in Österreich dar. Der entscheidende Unterschied: Im Bundesland Oberösterreich geht man das Thema mit einer Systematik an, die auch für Deutschland interessant sein dürfte. Denn dort legt man den Fokus nicht allein auf die Suche nach geeigneten Fachkräften, sondern setzt sehr viel früher an: im Bereich der Begabungs- und Begabtenförderung und in der Förderung von Exzellenzen.

Empirische Begründung

Mag. Dr. Ramona Uhl (MBA) vom Institut Berufspädagogik der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in Linz gibt dem Thema den theoretischen Rahmen. In einer Publikation von November 2020 stellt sie mit Mit-Autorin Mag. Ulrike Kempter von ECHA-Österreich* unter anderem einen multiperspektivischen Beobachtungsbogen als zentrales Werkzeug vor. Das von den Autorinnen für das duale Ausbildungssystem entwickelte Beobachtungstool betrachtet Potenziale aus den Perspektiven der Auszubildenden (als Selbsteinschätzung), der Ausbildenden (als  Fremdeinschätzung) und der Erziehungsberechtigten. Inhaltlich erfasst der Bogen  Persönlichkeitsmerkmale (Motivation, Engagement), die Bedingungen des Aufwachsens (Muttersprache, Zweitsprache), Lernpräferenzen (Denkmodalitäten), Persönlichkeitsmerkmale (z. B. hohe Sensitivität, handwerkliche Begabung), praktische Intelligenz sowie Kompetenzen (intellektuelle, soziale, emotionale, kommunikative und Handlungskompetenzen).

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Drei Perspektiven führen zum Ziel

Mit diesem sollen Pädagoginnen und Pädagogen sowie Ausbildende im dualen System „ein handhabbares Instrument für die Erkennung und Förderung besonders begabter, praktisch intelligenter Lehrlinge“ erhalten. Wichtig dabei: Er soll ausdrücklich nicht als Diagnoseinstrument, sondern als Fördergrundlage dienen. So will man Jugendliche in ihrer Zufriedenheit stärken, individuelle Stärken fördern und den Fokus auf diese legen. Das von den Autorinnen für das duale Ausbildungssystem entwickelte Beobachtungstool betrachtet Potenziale aus den Perspektiven der Auszubildenden (als Selbsteinschätzung), der Ausbildenden (als Fremdeinschätzung) und der Erziehungsberechtigten. Übereinstimmungen oder Differenzen der jeweiligen Aussagen dienen dabei als Basis für Fördergespräche und geben Auskunft über die Zufriedenheit und Erwartungen bezüglich der Berufswahl bzw. Ausbildung. Inhaltlich erfasst der Bogen Persönlichkeitsmerkmale (Motivation, Engagement), die Bedingungen des Aufwachsens (Muttersprache, Zweitsprache), Lernpräferenzen (Denkmodalitäten), Persönlichkeitsmerkmale (z. B. hohe Sensitivität, handwerkliche Begabung), praktische Intelligenz sowie Kompetenzen (intellektuelle, soziale, emotionale, kommunikative und Handlungskompetenzen).

Mit dem Beobachtungsbogen soll das Spektrum der Betrachtung des Themas Exzellenz- und Begabtenförderung erweitert werden, denn „[die] Begabungs- und Begabtenförderung rückt in der beruflichen Bildung, insbesondere in der dualen Ausbildung in Deutschland – Österreich – Schweiz, immer mehr in den Fokus. Schulnoten geben erwiesenermaßen nur bedingt Auskunft über die Potenziale der Auszubildenden. Aufgrund der unterschiedlichen Lernorte (Betrieb und Berufsschule), der Vielschichtigkeit der Berufe scheint die Erforschung der Potenziale der Akteur*innen im dualen Ausbildungssystem eher im Hintergrund zu stehen. Es gibt kaum Studien, die sich mit dem Zusammenspiel von Potenzialen in der beruflichen Bildung, insbesondere in der dualen Ausbildung und deren Erkennung, Förderung und Weiterentwicklung, auseinandersetzen.“ Der Bogen soll seinen Beitrag dazu leisten, „sodass Wege der Förderung für die Praxis der dualen Ausbildung erkennbar werden“. Denn: „Da es bei der Suche von Lehrlingen noch weit verbreitete Praxis ist, sich an den Schulnoten der Abgangsklasse zu orientieren, werden Fähigkeiten und Begabungen außerhalb des Schulfächerkanons zu wenig oder gar nicht erkannt.“

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Gemeinsam stark

Es bleibt aber nicht bei der Theorie: Bisher wurde das Thema bereits im Curriculum Lehrer*innenbildung NEU (2017) der Berufsbildung verankert, es gibt ein Wahlpflichtfach, Fort- und Weiterbildungen sowie einen laut eigener Aussage europaweit einzigartigen Hochschullehrgang zur Begabungs- und Begabtenförderung in der dualen Ausbildung. Zum Gelingen tragen aber vor allem die Kooperationen bei, wie Uhl im Gespräch unter streicht: „Alleine kann man wenig ausrichten. Dafür braucht man die verschiedenen Beteiligten aller Stakeholder.“ So wird das Thema im  Rahmencurriculum zur Begabungs- und Begabtenförderung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung in den unterschiedlichen Lehr- und Lernsettings sowie im Austausch mit nationalen und internationalen Partnern umgesetzt. Zum Netzwerk gehören Stakeholder aus dem Bildungs- und Wirtschaftsbereich, Kooperationen mit SkillsAustria, EuroSkills und WorldSkills, weitere nationale und internationale Organisationen, aber auch die empirische Begleitung in Form von Masterarbeiten und Begleitforschung.

Vorbild: Förderung aus dem Spitzensport

Wie eine solche Förderung ganz praktisch aussehen kann, zeigt Stefan Praschl auf, Technischer Delegierter bei WorldSkills und Board Member Competitions WorldSkills International: Die Talenteakademie in Kärnten konzentriert sich auf wenige, talentierte Spitzenlehrlinge und begleitet sie auf dem Weg zu beruflichen Bestleistungen. Als Vorbild dienen Fördereinrichtungen des Spitzensports. In der Talenteakademie werden die Jugendlichen mit Fachtrainings, Persönlichkeitstrainings, Ausrüstung, Material sowie organisatorischen Dienstleistungen in ihrer dualen Ausbildung unterstützt und gefördert sowie auf Berufswettwerbe vorbereitet. Die Bemühungen tragen erste Früchte. Die (Ausbildungs-)Qualität in den Betrieben und der Teilnehmenden bei Berufswettbewerben sei gestiegen, berichtet Praschl: „Kärnten war früher fast nie bei beruflichen Wettbewerben auf dem Level der Staatsmeisterschaften vertreten und wenn, dann nicht so erfolgreich wie heute. Das hat sich mittlerweile gewandelt.“

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