Junge Fachkräfte über Exzellenz in der Berufsbildung

Dieser Beitrag erschien in Auszügen im WorldSkills Germany Magazin – Ausgabe 22 (April 2022). Lernen Sie unser Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen kennen >>

Was muss ein Ausbildungsbetrieb in den Augen junger Fachkräfte leisten können, um eine exzellente Ausbildung zu ermöglichen? Fördern Berufsschule oder Betrieb gezielt überdurchschnittliche Leistungen unabhängig von Noten? Was ist, wenn man sich unterfordert fühlt? Und warum lohnt es sich überhaupt besondere Talente zu fördern?

Simon Dorndorf (22)

Simon Dorndorf (Foto: Frank Erpinar)

Anlagenmechaniker in Sanitär-Heizung-Klimatechnik (SHK), Schaumann GmbH

1. Denkst du, dass neben lernschwächeren Auszubildenden auch diejenigen gefördert werden sollten, die überdurchschnittliche Leistungen in Theorie oder Praxis erbringen oder die ein besonderes Talent für ihren Beruf haben, unabhängig von den Noten in der Berufsschule?
Meiner Meinung nach sollten ganz klar auch diejenigen, die überdurchschnittliche Leistungen haben, gefördert werden. In jeder Hinsicht. Egal, ob berufsübergreifend oder fachbezogen. Definitiv um das vorhandene Potenzial weiterzuentwickeln und natürlich auch, um damit noch mehr Anreize für besondere Leistungen zu schaffen. Außerdem profitiert am Ende ja nicht nur der Auszubildende davon, sondern auch der Arbeitgeber hat daran einen großen Mehrwert, da der Azubi ziemlich wahrscheinlich deutlich früher anspruchsvollere und verantwortungsvollere Arbeiten erledigen kann und zu einer Führungskraft heranwächst. Der Zusammenhang zwischen Fordern und Fördern müsste deswegen vielen Ausbildungsbetrieben deutlich bewusster werden.

2. Hast du dich während deiner Ausbildung (Berufsschule oder Ausbildungsbetrieb) schon einmal unterfordert gefühlt? Wenn ja, wie bist du selbst damit umgegangen?
Unterfordert ist ein ausdrucksvoller Begriff, den ich allerdings so nicht verwenden möchte. Sicherlich gab es einige Themen und Tätigkeiten, die mir leicht fielen. Jedoch hat man in der Theorie den Vorteil, dass man schon einmal vorarbeiten kann und sich mit den nächsten Themen vertraut macht. In der Praxis kann man sagen „Übung macht den Meister“. Des Weiteren habe ich in meiner Ausbildungszeit den Spruch „Erfolg ist eine Treppe und jede Stufe muss man gehen“, aufgefasst. Ich denke, mit dieser Sichtweise geht man am besten mit nicht so “fordernden“ Aufgaben um.

3. Wie wird in deiner Berufsschule oder deinem Ausbildungsbetrieb darauf reagiert, wenn Auszubildende besonders gute Leistungen erzielen oder ein besonderes Talent für ihren Beruf haben, unabhängig von den schulischen Leistungen? Werden diese gezielt gefördert?
In der Berufsschule ist es mir nicht bekannt, dass besondere Leistungen oder Talente gezielt gefördert werden. Meines Wissens ist das dort leider nicht so. Im Betrieb werden talentierten, motivierten und engagierten Auszubildenden anspruchsvollere Arbeiten zugeordnet und ausbildungsübergreifend Fachschulungen bei Herstellern angeboten. Dadurch können sie mehr Eigenständigkeit in ihren Arbeitsalltag einbringen und somit mehr und mehr Verantwortung übernehmen.

4. Was muss ein Ausbildungsbetrieb mitbringen, um exzellent ausbilden zu können?
Die Voraussetzung ist, qualifiziertes Fachpersonal mit der Bereitschaft und dem Willen, Zeit in einen Auszubildenden zu investieren. Denn nur vom Zuschauen und sich ständig wiederholenden Hilfsarbeiten kann man keine Fachkraft von morgen werden. Die Ausbildungsbetriebe sollten sich an die Rahmenlehrpläne halten und auch aufgelistete Themen, die sie in ihren betrieblichen Leistungen nicht durchführen, mit dem Auszubildenden besprechen. Außerdem sollten Betriebe gezielt auf die Stärken und Schwächen des Auszubildenden eingehen, um möglichen Defiziten entgegenzuwirken und um den Mitarbeiter allgemein in seiner Expertise zu fördern. Die Kommunikation und Handlungen sollten alle auf „Augenhöhe“ stattfinden, sodass keine Fragen des Azubis ungeklärt sein müssen. Denn dadurch entsteht ein gutes Betriebs- und Arbeitsklima seitens des Auszubildenden und er kann sich beruflich exzellent entwickeln und auch persönlich wachsen. Man wächst bekanntlich mit seinen Aufgaben.

Anna Wambach (22)

Foto: Anna Wambach

Medienkauffrau Digital und Print, NWB Verlag

1. Denkst du, dass neben lernschwächeren Auszubildenden auch diejenigen gefördert werden sollten, die überdurchschnittliche Leistungen in Theorie oder Praxis erbringen oder die ein besonderes Talent für ihren Beruf haben, unabhängig von den Noten in der Berufsschule?
Ja, sollten sie. Denn gerade in der Ausbildung sollten jedem, egal ob lernschwächer oder besonders stark alle Möglichkeiten offenstehen. Jedem sollten individuelle Entwicklungsmöglichkeiten geboten werden. Auch wenn sie besonders gut sind, kann man schauen, ob Weiterbildung oder Verkürzungen möglich sind. Damit beugt man ebenso Unterforderung vor.

2. Hast du dich während deiner Ausbildung (Berufsschule oder Ausbildungsbetrieb) schon einmal unterfordert gefühlt? Wenn ja, wie bist du selbst damit umgegangen?
Nein, bisher habe ich mich noch nicht unterfordert gefühlt. Höchstens in einzelnen Unterrichtsstunden.

3. Wie wird in deiner Berufsschule oder deinem Ausbildungsbetrieb darauf reagiert, wenn Auszubildende besonders gute Leistungen erzielen oder ein besonderes Talent für ihren Beruf haben, unabhängig von den schulischen Leistungen? Werden diese gezielt gefördert?
In der Schule wird wenig bis gar nicht darauf eingegangen. In meinem Ausbildungsbetrieb werden den Azubis mit besonders guten Leistungen die Möglichkeit auf eine Verkürzung um ein ganzes Ausbildungsjahr angeboten.

4. Was muss ein Ausbildungsbetrieb mitbringen, um exzellent ausbilden zu können?
Ein Ausbildungsbetrieb benötigt die Zeit und gute Ausbilder*innen. Diese sollten als permanenter Ansprechpartner dienen und sich um das Ziel der Ausbildung und die damit verbundenen Aufgaben kümmern. Sie sollten mit Interesse und Freunde ausbilden.

Maren Nagel (24)

Foto: Maren Nagel

Fachkraft für Abwassertechnik, Stadtentwässerungsbetriebe Köln

1. Denkst du, dass neben lernschwächeren Auszubildenden auch diejenigen gefördert werden sollten, die überdurchschnittliche Leistungen in Theorie oder Praxis erbringen oder die ein besonderes Talent für ihren Beruf haben, unabhängig von den Noten in der Berufsschule?
Grundsätzlich wäre das sehr wünschenswert. In der Praxis befürchte ich jedoch, dass das sehr schwer umzusetzen wäre. Die meisten Ausbilder sind vor allem Meister einer Anlage und müssen die Ausbildung neben dem normalen Betrieb durchführen.

2. Hast du dich während deiner Ausbildung (Berufsschule oder Ausbildungsbetrieb) schon einmal unterfordert gefühlt? Wenn ja, wie bist du selbst damit umgegangen?
Ich habe mich auf jeden Fall schon einmal unterfordert gefühlt. Das Problem ist, dass die Berufsschule nur schwer die unterschiedlichen Lernbedürfnisse aller Schülerinnen und Schüler abdecken kann. Die Situation kann bisweilen sehr frustrierend sein. Aber durch meine Teilnahme an den WorldSkills habe ich einen entsprechenden Ausgleich, durch den ich mich intensiver mit sehr spannenden Themen auseinandersetzen kann. Das hilft enorm.

3. Wie wird in deiner Berufsschule oder deinem Ausbildungsbetrieb darauf reagiert, wenn Auszubildende besonders gute Leistungen erzielen oder ein besonderes Talent für ihren Beruf haben, unabhängig von den schulischen Leistungen? Werden diese gezielt gefördert?
Bei uns im Ausbildungsbetrieb besteht auf jeden Fall die Möglichkeit zur besonderen Förderung. Mein Ausbilder hatte beispielsweise die Idee, sich für WorldSkills zu bewerben, an mich und meine Mit-Auszubildende herangetragen. Sie konnte dann wegen ihres Alters leider nicht teilnehmen. Bei uns an der Berufsschule sieht das leider etwas anders aus. Aufgrund der Klassen- und Stufengröße ist allein die Anpassung an die unterschiedlichen Leistungsfähigkeiten sehr schwierig. Und zudem ist eine Einzelförderung vermutlich nur sehr schwer umsetzbar.

4. Was muss ein Ausbildungsbetrieb mitbringen, um exzellent ausbilden zu können?
Zum Ersten ist ein motivierter und im besten Falle ein freigestellter Ausbilder absolut notwendig. Zudem sind passende Werkräumlichkeiten oder Lehrräume und ausreichende Mittel, da die spezifischen Ausbildungsmaterialien zum Teil sehr teuer sind, sehr wichtig. Des Weiteren wäre auch ein für Auszubildende offenes und bezüglich Wissensvermittlung motiviertes Kollegium wünschenswert. Ein abwechslungsreicher Arbeitsalltag ist zudem eine gute Möglichkeit, Praxiswissen konkret vermittelt zu bekommen.

Lena Meyer (24)

Foto: freepik

Medienkauffrau Digital und Print, NWB Verlag

1. Denkst du, dass neben lernschwächeren Auszubildenden auch diejenigen gefördert werden sollten, die überdurchschnittliche Leistungen in Theorie oder Praxis erbringen oder die ein besonderes Talent für ihren Beruf haben, unabhängig von den Noten in der Berufsschule?
Das ist eine schwierige Frage. Grundsätzlich halte ich es für vorteilhaft, Talente zu fördern. Wahrscheinlich steigert es sogar die Motivation, die Bindung an den Ausbildungsbetrieb und die Leistung. Davon profitiert dann auch die Ausbildungsstätte. Allerdings gestaltet sich die Umsetzung solcher Förderungsmaßnahmen vermutlich schwierig. Wird Einzelnen eine Chance der Weiterbildung geboten, die anderen verwehrt bleibt, kann das Miteinander darunter leiden. Wahrscheinlich ist der Umgang damit für Menschen, die gerade in das Berufsleben einsteigen, schwieriger. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass bei Förderungsmaßnahmen, die so individuell gestaltet werden müssen, Aufwand und Kosten den Nutzen übersteigen. Daher denke ich, dass es sich eher lohnt, Auszubildende im Rahmen der schon vorhandenen Möglichkeiten zu fördern. Wer sich durch überdurchschnittliche Leistungen bemerkbar macht, dem kann man verantwortungsvollere Aufgaben erteilen als üblich.

2. Hast du dich während deiner Ausbildung (Berufsschule oder Ausbildungsbetrieb) schon einmal unterfordert gefühlt? Wenn ja, wie bist du selbst damit umgegangen?
Im Ausbildungsbetrieb habe ich nicht das Gefühl, unterfordert zu sein. Es kommt vor, dass mal weniger Aufgaben anfallen oder man mit Aufgaben beschäftigt ist, die weniger anspruchsvoll sind. Das hält sich in dem Ausmaß, das ich bisher kennengelernt habe, aber im Rahmen. In der Berufsschule gibt es Unterrichtseinheiten, die für mich persönlich auch schneller hätten abgearbeitet werden können. Wenn ich mich dort unterfordert fühle, verhalte ich mich solidarisch und warte darauf, dass wir die nächste Unterrichtseinheit beginnen können.

3. Wie wird in deiner Berufsschule oder deinem Ausbildungsbetrieb darauf reagiert, wenn Auszubildende besonders gute Leistungen erzielen oder ein besonderes Talent für ihren Beruf haben, unabhängig von den schulischen Leistungen? Werden diese gezielt gefördert?
In meiner Berufsschule wird nicht oder besser gesagt nur mit guten Noten darauf reagiert, wenn ein Auszubildender besonders gute Leistungen erbringt. In meinem Ausbildungsbetrieb wird auf die Kompetenzen der Auszubildenden eingegangen. Erweist sich jemand als besonders fähig, werden seine Aufgaben im Rahmen der Möglichkeiten darauf angepasst. So können betroffene Auszubildende mehr Verantwortung übernehmen und komplexere Aufgaben erledigen. Besondere Förderprogramme sind mir nicht bekannt.

4. Was muss ein Ausbildungsbetrieb mitbringen, um exzellent ausbilden zu können?
Ausschlaggebend für ein gutes Ausbildungsprogramm ist ein Ansprechpartner, der zum einen motiviert und interessiert daran ist, jemandem etwas beizubringen, und zum anderen auch den Raum dafür hat dies zu tun. Ausbildungsbetriebe sollten sich also der höheren Auslastung der Ausbilder und Ausbilderinnen bewusst sein und kompetente Personen für die Ausgabe auswählen.

Juliana Leven (18)

Foto: pressfoto/freepik

Medienkauffrau, NWB Verlag

1. Denkst du, dass neben lernschwächeren Auszubildenden auch diejenigen gefördert werden sollten, die überdurchschnittliche Leistungen in Theorie oder Praxis erbringen oder die ein besonderes Talent für ihren Beruf haben, unabhängig von den Noten in der Berufsschule?
Ich denke, dass es ein guter Ansatz wäre, dies zu tun, weil der Betrieb eine zukünftige Arbeitskraft, damit intensiver schult und tiefgründiger weiterbilden kann. Das schafft dem hart arbeitenden Auszubildenden nicht nur neue Möglichkeiten, sondern ermöglich dem Betrieb auch in besonderen Bereichen talentierte Menschen zu haben und nicht nur in demselben Lehrgang geschulte.

2. Hast du dich während deiner Ausbildung (Berufsschule oder Ausbildungsbetrieb) schon einmal unterfordert gefühlt? Wenn ja, wie bist du selbst damit umgegangen?
Manchmal nimmt man in der Berufsschule (zum Teil aufgrund der derzeitigen Klassengröße mit 29 Schüler*innen) Themen langsamer durch. In diesen Situationen denkt man sich als Schüler, dass man viel produktiver gewesen wäre, wenn es Homeschooling gäbe und man die Aufgaben sich größtenteils selbst erarbeitet. Für diese Phasen gibt es nicht wirklich eine Methode, damit umzugehen außer „aussitzen“, was aber kein großes Problem ist, da diese Phasen nicht allzu häufig vorkommen.

3. Wie wird in deiner Berufsschule oder deinem Ausbildungsbetrieb darauf reagiert, wenn Auszubildende besonders gute Leistungen erzielen oder ein besonderes Talent für ihren Beruf haben, unabhängig von den schulischen Leistungen? Werden diese gezielt gefördert?
Ich habe bereits erfahren, wenn die schulischen Leistungen gut und besser sind, dass man die Option hat, die Ausbildung von 2,5 Jahren auf 2 Jahre zu verkürzen und dass bei einem guten Abschluss der Ausbildung die Option auf ein Studium besteht, dass der Betrieb zur Hälfte mitfinanziert.

4. Was muss ein Ausbildungsbetrieb mitbringen, um exzellent ausbilden zu können?
In aller erster Linie kompetente Ausbilder. Ich habe das Glück, eine sehr erfahrene Ausbilderin zu haben, die sich nicht nur für uns einsetzt, sondern uns auch immer unterstützt, wenn man ein Problem hat oder einfach nur einen Ratschlag braucht. Von Bekannten und Freunden habe ich schon mitbekommen, dass es für einen Auszubildenden daran steht und fällt, wie gut der Ansprechpartner im Verlag ist. Es ist auch förderlich, die Auszubildenden zu einer kompetenten Berufsschule zu schicken. Darüber hinaus ist es auch wichtig, dass die Ansprechpartner in den einzelnen Abteilungen Erfahrung damit haben, wie man die Abteilungen gut nahebringen kann.

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