So nutzen Azubis und Ausbildende den „mentalen Werkzeugkoffer“ der Sportprofis

Dieser Beitrag erschien in Auszügen im WorldSkills Germany Magazin – Ausgabe 20 (August 2021). Lernen Sie unser Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen kennen >>

Dr. Tom Kossak (links) und der ehemalige Spitzensportler Fritz Dopfer (rechts) beim Mentaltraining des Teams Germany für die EuroSkills Graz 2021. (Foto: Frank Erpinar)
Wie jubelnde Athletinnen und Athleten auf dem Podium: Ein berauschendes Erfolgsgefühl spüren viele nach dem gelungenen Abschluss eines Projekts oder der Ausbildung. Erfolgreiche Sportler/innen wie Teilnehmer/innen bei den WorldSkills wissen: Das Gefühl beim Abpfiff, die Glückwünsche oder den Moment auf dem Podest – das kann einem keiner mehr nehmen. Doch auf dem Weg dahin heißt es, Stress, Angst und Druck, auch Rückschläge zu meistern. Das erfordert viel fachliches Training und gute mentale Fähigkeiten, ist aber erlernbar – und im Ausbildungsalltag nutzbar.

Der ehemalige Skirennläufer Fritz Dopfer ist Experte im Umgang mit Druck. Viele Jahre war er als Mitglied der Deutschen Ski-Alpin-Nationalmannschaft bei Weltcups, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen unterwegs. Er weiß genau, wie sich Erfolge anfühlen, kennt auch den Stress vor dem Start und die Angst vor der Niederlage: „Ich bin ein extrem ehrgeiziger Typ und meine Stärken sind Trainingsfleiß und Disziplin. Den kühlen Kopf vor dem Rennen habe ich mir hart erarbeiten müssen. Da hat mir eine strukturierte Startvorbereitung geholfen. Immer das gleiche Vorgehen zu haben, stiftet Sicherheit und richtet meine Gedanken auf meine Stärken.“

Diesen Glauben an die eigene Stärke brauchte Fritz Dopfer vor allem, als er sich vor Jahren bei einem Trainingsunfall das Bein kompliziert brach und sich mühsam wieder zurück in die Weltspitze kämpfen musste. „Klar habe ich gezweifelt und Angst gehabt, den Anschluss nicht mehr zu schaffen. Doch hier hilft nicht, sich lange selbst zu bemitleiden, sondern sich kleine Ziele zu setzen und auf diese konsequent hinzuarbeiten. Zusammen mit guten Trainern und einem motivierenden Umfeld habe ich den Glauben an mich behalten und es noch einmal zu den Olympischen Spielen geschafft“, so Fritz Dopfer über seine mentale Stärke.

Rezepte des Erfolgs anderen vermitteln

Diese möchte er auch anderen Menschen mitgeben. 2020 hat er daher die Mentalcoaches Dr. Kai Engbert und Dr. Tom Kossak bei der Vorbereitung der Deutschen Berufe-Nationalmannschaft unterstützt. Beide sind ausgebildete Sportpsychologen, betreuen die Mitglieder verschiedener Sportverbände und waren wie z. B. Dr. Engbert im Auftrag des DOSB auch bei Olympischen Spielen (2010 – 2018) im Einsatz. Gemeinsam mit ihnen entwickelten die Teilnehmenden Ideen, wie sie ihre eigene mentale Stärke für berufliche Wettkämpfe und andere Herausforderungen weiterentwickeln können. Denn ähnlich wie im Spitzensport sind auch bei den WorldSkills-Wettbewerben der Umgang mit (Zeit-)Druck, Selbstvertrauen, der Angst vor Fehlern und Niederlagen sowie eine gehörige Portion Stressmanagement gefragt.
Bereits seit 2016 werden daher die Mitglieder des WorldSkills Germany-Nationalteams von erfahrenen Sportpsychologen aus dem Spitzensport im mentalen Bereich trainiert. In Vorbereitungscamps und Online-Workshops lernen sie zum einen ihre mentalen Stärken sowie Schwächen und Entwicklungsfelder kennen. Zum anderen werden ihnen Strategien und Ideen für ihren „mentalen Werkzeugkoffer“ gezeigt, die im Wettkampf helfen, einen kühlen Kopf zu behalten und ihr Können auf den Punkt abzurufen. „Gerade in mehrtägigen Wettkämpfen spielt der Kopf eine enorme Rolle“, so Dr. Engbert, der die Deutsche Berufe-Nationalmannschaft schon mehrfach auf Weltmeisterschaften vorbereitet und vor Ort begleitet hat.

Für Jonas Wanke war es eine mentale Achterbahnfahrt: Am Ende gewann der damalige Schüler die Bronzemedaille bei den WorldSkills Abu Dhabi 2017. (Foto: Frank Erpinar)
Bei den WorldSkills 2017 in Abu Dhabi war der damals 17-jährige Jonas Wanke für die Disziplin „IT-Softwareentwicklung“ gut vorbereitet und hoch motiviert angereist. Am Familiarization Day, zwei Tage vor dem Wettkampf, bei dem das Equipment getestet und vorbereitet wird, lief erst alles nach Plan, doch dann durften durch eine überraschende Änderung der Regeln durch die Wettkampfkommission keine Vorbereitungen gespeichert werden. Das warf ihn weit zurück, da die deutsche Wettkampfstrategie darauf aufbaute, den altersbedingten Erfahrungsnachteil durch diese Vorbereitung auszugleichen. Jonas blickte deshalb so verunsichert auf den Fortgang der WM, dass er sich bereits vor Wettkampfbeginn für völlig chancenlos hielt. Gemeinsam mit dem Bundestrainer Dr. Olaf Kappler konnte Mentalcoach Dr. Kai Engbert Jonas unterstützen, den Tag zu verarbeiten und Strategien zu entwickeln, um sich für den gesamten Wettkampf neu zu motivieren. „Im Gespräch ist es viel einfacher, Frust abzubauen und wieder konstruktiv und positiv zu werden“, so Dr. Engbert.

Bei Jonas hat das in Abu Dhabi offensichtlich gut funktioniert: Am Ende wurde sein Einsatz mit der WM-Bronzemedaille belohnt. „Die Zeit in Abu Dhabi war schon extrem stressig. Zwischendurch habe ich an mir und dem Wettkampf gezweifelt. Die Medaille hat mir aber gezeigt, dass es sich immer lohnt, dranzubleiben und an sich und seine Fähigkeiten zu glauben. Ich bin durch den Wettkampf viel selbstbewusster und stressresistenter geworden. Diese Erfahrungen und die ganzen Ideen aus dem Mentaltraining kann ich jetzt im Studium und im Job gut gebrauchen. Damit habe ich anderen sicher etwas voraus“, so Jonas über seine Erfahrungen bei den WorldSkills.

Gutes Stressmanagement ist nicht angeboren

Mentale Werkzeuge und Ideen aus dem Spitzensport lassen sich gut auf den Alltag im Beruf übertragen, geht es doch in der Ausbildung und für jeden Azubi darum, Prüfungen zu bestehen, Stress und Unsicherheit zu meistern und Verantwortung für seine eigenen Leistungen zu übernehmen. „Aus der Forschung wissen wir, dass ein gutes Stressmanagement nicht angeboren ist, sondern erlernt wird“, so Mentalcoach Dr. Kossak. Für Berufseinsteiger/innen ist daher wichtig, von Anfang an Ideen mit auf den Weg zu bekommen, wie die Ausbildung zur motivierenden Herausforderung wird – und nicht zur angstbesetzten Plage. Ein gutes Selbstvertrauen, Lösungsorientierung und ein gelassener Umgang mit Stress können erlernt werden.
„Um erfolgreich zu sein, sollten Menschen, ob im Leistungssport oder im Beruf, prinzipiell zwei Dinge beherrschen: Sie müssen lernen, sich selbst zu motivieren, wenn es schwierig und anstrengend wird. Und sich selbst zu beruhigen, wenn negative Emotionen durch Misserfolge oder Frustrationen auftauchen“, so Dr. Kossak.
Vieles, was die Mentalcoaches den Mitgliedern der WorldSkills-Teams vermitteln, kann 1:1 auf die Ausbildung und den beruflichen Alltag übertragen werden. Dazu gehören Strategien, sich Ziele zu setzen und diese hartnäckig zu verfolgen, sich durch positive Selbstgespräche immer wieder anzutreiben, aber zielgerichtet auch Pausen einzusetzen, um langfristig leistungsfähig zu sein. Dr. Engbert: „Die Vorbereitung auf eine WM der Berufe gleicht mehr einem Marathon, bei dem ich lange durchhalten muss, als einem Sprint, bei dem ich alle Energie auf einmal verfeuern kann“. Und auch in der Ausbildung muss man mit Ängsten und Rückschlägen umgehen lernen. Wichtig ist daher, auch unter Druck zu trainieren bzw. zu üben, um im Wettkampf oder bei einer Prüfung nicht überrascht zu sein. „Nach Fehlern nicht die Flinte ins Korn zu schmeißen, sondern bis zum Ende weiterzuarbeiten, ist eine wichtige Fähigkeit“, so Dr. Kossak.
Beherrschen die Auszubildenden wie die Wettkämpfer und Wettkämpferinnen die antrainierten Strategien, sich in den entsprechenden Situationen selbst zu steuern, wird es ihnen besser gelingen, mit Herausforderungen und Frustrationen umzugehen, was zum Schluss die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg erhöht.

Erfolg ist Teamleistung

Gutes Team: Jonas Wanke mit seinem Bundestrainer Dr. Olaf Kappler bei der Siegerehrung der WorldSkills Abu Dhabi 2017. (Foto: Frank Erpinar)
Die Mentalcoaches arbeiten nicht nur mit den WM-Teilnehmenden, sondern auch mit deren Trainerinnen und Trainern. In Sport und Beruf können Trainer/innen oder Führungskräfte entscheidenden Einfluss auf die Sportler/innen oder Mitarbeiter/innen nehmen. Erfolg ist immer eine Teamleistung. Eine motivierende Ansprache, die richtigen Reize im richtigen Moment setzen und der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung kann zum wichtigen Schlüssel für den gemeinsamen Erfolg werden. „Anstatt also nur über Druck, Vorgaben und Kontrolle zu führen, muss das Repertoire eines modernen Trainers heute vielfältiger sein“, so Dr. Kossak. Die Vorteile liegen auf der Hand: „Wenn sich junge Menschen im Beruf heute beispielsweise daran gewöhnen, sich selbst herausfordernde und motivierende Ziele zu setzen, werden sie später eher Eigenverantwortung übernehmen und Selbstvertrauen aufbauen, als wenn man versucht, sie durch äußeren Druck zu motivieren“, betont Dr. Engbert. Dasselbe gilt auch für Ausbilder/innen im Berufsalltag!

Ausbilder/innen sind nicht nur Informationsvermittler, sondern wichtige Bezugspersonen und Vorbilder für junge Menschen. Daher sind Strategien zum Aufbau mentaler Stärke nicht nur für Azubis relevant, auch die Verantwortlichen für die berufliche Ausbildung können hier profitieren. „Es bedarf mental starker Führungskräfte, um leistungsstarke Mitarbeiter zu formen“, betont Dr. Kossak. Auszubildende können auf verschiedenen Wegen unterstützt werden: durch das Führungsverhalten, die Vorbildfunktion und die direkte Vermittlung mentaler Strategien.

Die Mentalcoaches, die auch mit Führungskräften und Trainer/innen aus dem Spitzensport arbeiten, wissen, wie wichtig die richtige Einstellung und gute mentale Strategien an leitender Stelle sind. „Je motivierter und gelassener die Ausbilder sind, desto mehr schauen sich Auszubildende diese Verhaltensweisen ab. Ein ängstlicher Trainer kann auch keinen Sportler gelassen und fokussiert durch einen Wettkampf führen“, so Dr. Engbert. Entsprechend muss eine erfolgreiche Führungskraft in erster Linie selbst über die mentale Stärke verfügen, die von den Teilnehmenden, Sportler/innen oder Azubis, erwartet wird.

Ausbilder/innen und Führungskräfte in Unternehmen können lernen, selbstbewusst und sinnvoll zu führen, andere zu motivieren, Probleme anzusprechen und Ziele gemeinsam zu entwickeln. „In Vorträgen, Trainings und Seminaren übertragen wir die mentalen Strategien vom Wettkampf in den Berufsalltag. Dabei ist uns wichtig, Leistung gesund und nachhaltig zu entwickeln. Statt einfach nur durchzupowern zeigen wir Strategien, wie ein sinnvolles Stressmanagement und ein achtsamer Umgang mit den eigenen Ressourcen aussehen können. Dabei können wir im Beruf viel vom Spitzensport lernen, denn Sportler sind Experten darin, mit sich und ihrem Körper gut umzugehen und Leistung auf den Punkt zu bringen“, erklärt Dr. Engbert.

Tipps für „Wege zur mentalen Stärke im Berufsalltag“

1. Macht der Gedanken: Kopfkino und positive Vorstellungen nutzen
2. Aktivierungsregulation: Durch Entspannung und Aktivierung Zustände steuern
3. Zielsetzung: Struktur und Fokus aufbauen
4. Selbstgespräche nutzen: Sich durch positive Selbstinstruktionen antreiben
5. Aufmerksamkeitslenkung: Den Fokus gezielt ausrichten
6. Lernkultur erarbeiten: Den Umgang mit Fehlern und Rückschlägen lernen

Diese und weitere Strategien beschreiben Dr. Engbert und Dr. Kossak in ihrem neuen Buch: „Mentales Training im Leistungssport – Ein Praxisbuch für SportlerInnen, TrainerInnen und Eltern“. Teil 1 + Teil 2; Neuer Sportverlag Waiblingen (www.neuersportverlag.de); ISBN 978-3-96416-033-1. Erhältlich als gedrucktes Buch (260 Seiten, VK: EUR 29,90) und E-Book (Apple iBooks).

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