Vor fünf Jahren gewann Julian Lüdke Gold bei den EuroSkills Göteborg 2016 in der Disziplin „Heavy Truck Maintenance“ (Schwerfahrzeugtechnik). Heute ist der 26-Jährige Bauleiter. Die Leidenschaft für Nutzfahrzeuge hat er sich jedoch erhalten. (Foto: Julian Lüdke)
Wenn man sich Julian Lüdkes Werdegang anschaut, kann man nur den Hut ziehen: Er hat eine abgeschlossene Ausbildung, einen Bachelor-Abschluss, zwei Goldmedaillen und lebt seine berufliche Erfüllung – mit gerade einmal 26 Jahren.
Die Leidenschaft für alles Motorisierte – und hier besonders die großen, schweren Maschinen – wurde ihm quasi in die Wiege gelegt: Im Tiefbauunternehmen des Großvaters, das mittlerweile der Onkel führt, fühlte er sich ebenso früh heimisch wie im Bauunternehmen, das sein Vater heute als Geschäftsführer leitet. „Ich war als Kind sehr viel mit meinem Großvater unterwegs, was meine Begeisterung für Technik, Bagger- und LKW-fahren weckte. Ich glaube, mit 12 konnte ich bereits Auto fahren, ein Jahr später dann LKW. Baggerfahren war auch schnell drin“, erzählt Julian lachend. Doch es stand nicht von vornherein fest, dass er einmal in die Fußstapfen von Opa und Onkel treten, die beide gelernte Kfz-ler sind, und auch „was mit Autos“ machen würde. „Ich wollte nach dem Abitur auf jeden Fall eine Ausbildung machen, aber eigentlich eher auf dem Bau: Maurer, Zimmermann oder so, um im Unternehmen meines Vaters mitzuarbeiten“, so Julian. Relativ spontan entschied er sich dann für die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker – auf Anraten seines Vaters.
Weil er bereits in frühester Kindheit die Liebe zu LKWs entdeckte, wählte Julian die Fachrichtung Nutzfahrzeuge. Bei der Bewerbung für den Ausbildungsplatz konnte er dann mit seinem Fachwissen glänzen, hatte er doch in den Pfingstferien zuvor ein Fachkundebuch regelrecht verschlungen – „so wie andere Fantasy-Romane lesen“, gibt er schmunzelnd zu.

Eigeninitiative ist gefragt

Im Beruf Kfz-Mechatroniker*in für Nutzfahrzeuge geht es darum, LKWs, Omnibusse, Bau- oder Stadtreinigungsfahrzeuge und ihre fahrzeugtechnischen Systeme sowie An- und Aufbauten zu warten oder zu reparieren und ggf. mit Zusatzsystemen und Sonderausstattungen zu ergänzen. Diese Vielfältigkeit schätzt auch Julian am Berufsbild. Seine Ausbildung absolvierte er mit vergleichbar viel Elan wie die Vorbereitung zum Bewerbungsgespräch: „Ich hatte die Intention, in den drei Jahren so viel mitzunehmen wie möglich. Sie sollten nicht verschwendet sein.“ Und das zeigte sich auch in seinem Verhalten in Betrieb und Berufsschule: „Ich habe alles hinterfragt und nichts auf sich beruhen lassen – vor allem Detailtiefen haben mich interessiert. Wenn man mein Handwerk als Motor betrachtet, war bei mir nicht beim Drehzahlsensor der Kurbelwelle Schluss. Ich wollte auch wissen, wie es da drin aussieht und was die physikalischen Gesetze dahinter sind.“

Gänsehautmomente im beruflichen Wettbewerb

So viel Wissensdurst und Einsatzbereitschaft mussten ihn zwangsläufig zu beruflichen Wettbewerben führen – bis hin zur Europameisterschaft der Berufe, den EuroSkills Göteborg 2016. Hier gewann Julian nicht nur die Goldmedaille, sondern erzielte als bester Deutscher zusätzlich auch die Medaille für „Best of Nation“.

Zu den Wettkampfaufgaben der EuroSkills Göteborg 2016 gehörte u. a. die Fehlersuche an einem Motor. (Foto: WorldSkills Germany)
Doch eins nach dem anderen: Sein Ausbilder an der Gewerbeakademie Freiburg erkannte Julians Potenzial. Und auch wenn er sich anfangs deplatziert fühlte, war er schon früh mit dem EuroSkills-Virus infiziert: „Ich wusste, da nimmt man was mit und das bringt einem richtig was für das spätere Leben.“ Die Vorbereitung für die EuroSkills war indes alles andere als ein Selbstläufer, wie Julian berichtet: „In unserem Beruf können wir für den Wettbewerb nichts wirklich üben oder vorbereiten. Die Maurer zum Beispiel wissen, was sie bauen müssen. Wir können maximal die Grundlagen vorbereiten, im Beruf ein bisschen üben und uns grob auf eine Richtung einstellen – das war es aber auch schon.“ Hinzu kam eine eher nachlässige Unterstützung durch den Ausbildungsbetrieb.

Julians Glück: Das große Engagement des ehrenamtlichen Experten Thomas Holzmann, selbst Champion der WorldSkills Shizuoka 2007. „Ich muss echt sagen: Chapeau Thomas – er ist der beste Betreuer, den man sich wünschen kann. Er hat das schon sehr, sehr gut gemacht“, lobt Julian. So hat er seinem Schützling zum Beispiel Schulungen beim schwedischen Hersteller Volvo in Augsburg organisiert, weil klar war, dass deren Nutzfahrzeuge im Wettbewerb Aufgabeninhalt sein würden.

Und noch jemand unterstützte nach Leibeskräften: Andrea Zeus, Referentin beim Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe e. V. und Vorstandsvorsitzende von WorldSkills Germany – sie setzte sich beim Ausbildungsbetrieb für mehr Unterstützung ein, leider ohne Erfolg. Mehr ausrichten konnte sie mit einem Buch über technisches Englisch: „Ich hatte mir überlegt, wie ich mir das beibringen soll – Frau Zeus hat mir dann einfach ein solches Buch geschickt, was total gut war. Diese Vorbereitung auf das technische Englisch war für mich wahnsinnig wertvoll. Dann hat sie mir noch Diagnoseschulungen bei mir in der Nähe organisiert, die waren auch sensationell gut. Ich habe von der Organisation WorldSkills Germany und insbesondere von diesen beiden Personen wahnsinnig profitiert“, resümiert Julian.

Gute Vorbereitung, gewinnbringende Taktik

Nichtsdestotrotz blieb die Zeit für eine gründliche Vorbereitung knapp. Da ihn sein Ausbildungsbetrieb nicht freistellen wollte, fand der größte Teil der Vorbereitung abends und zwischen Ausbildungsende und Studienbeginn in insgesamt knapp zwei Monaten statt. Auch heute noch, fünf Jahre später, sagt er: „An die Aufgaben werde ich mich immer erinnern – denn die waren in der vorgegebenen Zeit schlicht nicht lösbar.“ Dazu gehörte es, Fehler aus den Bereichen Motormechanik, Elektrik oder Hydraulik zu identifizieren und zu beheben. Warum es dennoch für Gold gereicht hat? Ein Grund: die Vorbereitung. Ein anderer: gute Taktik. „Vor dem Wettbewerb wussten wir, welches Werkzeug und Fahrzeug auf uns wartet – da kann man sich schon vorher mit dem entsprechenden Reparaturleitfaden vertraut machen, das jeder Fahrzeughersteller hat. Um sich darin aber zurechtzufinden, bedarf es ein wenig Übung“, klärt Julian auf. „Und daran haben wir im Vorfeld sehr intensiv gearbeitet.“

Es war aber auch ein Quäntchen Glück dabei: Als weitere Aufgabe mussten Schaltpläne gezeichnet werden – eine Tätigkeit, die eigentlich nicht zum Standard-Repertoire eines Kfz-lers gehört. Wieder einmal konnte Julian mit seiner Leidenschaft für den Beruf und Details punkten: „Ich mache so etwas ganz gerne und hatte das somit indirekt für den Wettbewerb geübt“, sagt er. „Hier habe ich sicherlich einige Punkte geholt.“ Und natürlich, auch heute noch unvergessen: der große Moment, als Julian als Europameister verkündet wurde: „Ich hatte als Goldmedaillengewinner immer meinen schwedischen Kollegen auf dem Zettel: Die Wettbewerbsfahrzeuge wurden ja von Volvo gestellt, hinzu kam der Heimvorteil. Als dann aber ‚Germany‘ und somit ich als Sieger verkündet wurden, hielt ich das zuerst für einen Fehler“, erzählt er noch heute kopfschüttelnd. „Und was ich dann im Überschwang der Emotionen gar nicht mehr verarbeiten konnte, war, dass ich auch noch ‚Best of Nation‘ war, also der beste deutsche Teilnehmer, und damit noch eine zweite Goldmedaille mit nach Hause nehmen durfte.“

Jubel bei der Siegerehrung: Julian gewinnt bei den EuroSkills Göteborg 2016 die Goldmedaille und ist somit Europameister in der Wettbewerbsdisziplin „Heavy Truck Maintenance“ (Schwerfahrzeugtechnik). Als bester Deutscher der EM wurde er außerdem mit der Medaille „Best of Nation“ ausgezeichnet. (Foto: WorldSkills Germany)
Neben den vielen schönen Erinnerungen nimmt Julian vor allem auch wichtige Soft Skills mit: So habe sich unter anderem seine mentale Stärke durch die Teilnahme an den EuroSkills verbessert – eine Eigenschaft, die er im stressigen Joballtag gut gebrauchen kann. Während seiner Ausbildung und parallel zum europäischen Wettbewerb hat Julian studiert. Ähnlich wie bei der Wahl seiner Ausbildung, tendierte er beim Studium anfänglich in Richtung Bauwirtschaft und liebäugelte mit einem Bauingenieurswesen-Studium. Letzten Endes siegte aber auch bei der Wahl des Studiengangs die Faszination für Fahrzeuge und er studierte Fahrzeugtechnik.

Vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten

Beruflich ist er, als Wandler zwischen den beruflichen Welten, letzten Endes doch noch in der Bauwirtschaft gelandet – im Unternehmen, dem sein Vater als Geschäftsführer vorsteht. Aber auch das war mit Umwegen verbunden: „Eigentlich war geplant, dass ich bei meinem Onkel ein halbes Jahr in der Werkstatt arbeite, anschließend den Jakobsweg gehe, meine Tante in Australien besuche und mich danach in Freiburg nach einem Job umschaue – aber dann kam Corona“, berichtet Julian. Kurzerhand kümmerte er sich im Unternehmen seines Onkels um ein Thema, das in der Branche eher stiefmütterlich behandelt wird, wie er sagt. „Man muss quasi nachweisen und seinem Auftraggeber gegenüber dokumentieren, wie viel Kubikmeter Erdreich bewegt oder wie viel Meter Rohrleitung verlegt wurden, aber auch zum Beispiel wie viel Quadratmeter Dach beim Abriss eines Hauses abgetragen oder wie viele Fenster ausgebaut wurden. Das gestaltet sich immer recht schwierig.“ Handwerker, die etwas errichteten, hätten es da einfacher. „Im Tiefbau läuft das etwas anders: Zum einen sind das Haus, das da mal stand, und auch das ausgehobene Loch weg, die Rohrleitungen sieht man auch nicht mehr. Da kommt es schnell zu Diskussionen, dass das Loch gar nicht so tief gewesen wäre etc. Das Ganze lebt von einer sehr guten Dokumentation. Wenn man die nicht macht, hat man leider relativ häufig Probleme, sein Honorar zu bekommen.“ Damit hat er sich befasst, Programme und Technik für mehrere tausend Euro eingekauft. An sich ein wirtschaftliches Risiko für einen Betrieb – sein Onkel hatte aber vollstes Vertrauen in sein Können. „Ich habe eine kleine Prozedur aufgebaut, die zum einen das ganze Vorgehen dokumentiert und zum anderen quasi durchgehend das Aufmaß erstellt.“

Die Lösung funktioniert wie folgt: Eine Drohne überfliegt autonom die Baustelle und macht Bilder. Später werden diese zu einem 3D-Modell zusammengerechnet, das Koordinaten hat. Aus diesem Modell kann man Mengen und Massen im Nachgang berechnen und dem Auftraggeber so deutlich die erledigte Arbeit dokumentieren – einfach, indem man die Vorher-/Nachher-Bilder übereinanderlegt und die Software berechnen lässt, wie viel Erdmeter zum Beispiel abgetragen wurden. „So schlägt man drei Fliegen mit einer Klappe: Man kann sich gründlicher vorbereiten, sodass weniger Fehler in der Ausführung passieren. Man dokumentiert seinen Baufortschritt und zuletzt kann man einwandfrei und lückenlos nachweisen, welche Leistung erbracht wurde. Diskussionen beendet“, schmunzelt Julian.

„Ich bin jemand, der in seinem Beruf immer Gas gibt“

Das und seine Bachelorarbeit zum Thema autonomes Fahren bzw. Fahrerassistenzsysteme waren der Schlüsselmoment, warum er letztlich in der Baubranche geblieben ist. „Ich habe einfach gemerkt, dass es schlussendlich egal ist, ob diese Technik in einem Auto, einem Schrank oder TV zum Einsatz kommt. Mein Wissen kann ich in vielen Branchen anwenden.“ So bringt er seine Leidenschaft für die großen Maschinen und seine Erfahrungen mit den Nutzfahrzeugen jetzt im Freiburger Bauunternehmen seines Vaters ein. Ein weiterer Grund für den Branchenwechsel: „Während meines Studiums habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr so gerne in der Werkstatt bin, mir die Abwechslung fehlt. Jetzt ist das anders: Da bin ich auf der Baustelle und im Büro. Dadurch habe ich wieder einen ganz anderen Zugang zu meinem Beruf bekommen und meine Leidenschaft für das Kfz-Handwerk ist neu entfacht“, erklärt Julian seinen Schritt. Denn: „Ich bin jemand, der in seinem Beruf immer Gas gibt“ – und das tut er mit Leidenschaft, in jeder Branche.

Sein nächstes berufliches Ziel? „Ich möchte eine führende Position bekleiden, weil ich glaube, dass ich das ganz gut machen würde. Ich möchte etwas bewirken, mit meinem Team arbeiten, ein gutes Arbeitsklima entwickeln und uns gemeinsam voranbringen.“ Wie wichtig Teamarbeit ist, das hat er unter anderem durch seine Teilnahme an den EuroSkills gelernt – eine Erfahrung, die ihn sein Leben lang beruflich wie persönlich begleiten wird. Das wünscht er sich auch für andere junge Menschen und so bricht er eine Lanze für die Ausbildung: „Auch wenn man Abitur gemacht hat – so wie ich – ist eine Ausbildung das Sinnvollste, was man machen kann. Ich finde, dass das Handwerk etwas total Cooles ist.“

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