Ein stabiles Berufsbildungssystem vs. hohe Jugendarbeitslosigkeit

Dr. Ralf Hermann, Leiter des GOVET.

Dr. Ralf Hermann, Leiter des GOVET. (Bild: GOVET)

Das deutsche Ausbildungssystem gilt international als Erfolgsmodell. Auch die Expertise deutscher WorldSkills-Bundestrainer ist sehr gefragt. WorldSkills Germany erhält darüber hinaus immer öfter Anfragen aus anderen Nationen zur bilateralen Zusammenarbeit.

Dr. Ralf Hermann, Leiter GOVET, hat im Gespräch mit WorldSkills Germany erklärt, was internationale Berufsbildungszusammenarbeit von staatlicher Seite bedeutet. GOVET wurde 2013 als Zentralstelle der Bundesregierung für internationale Berufsbildungskooperation im Bundesinstitut für Berufsbildung gegründet.

Herr Dr. Hermann, welche Akteure sind in der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit engagiert und warum sind so viele Nationen am deutschen System interessiert?

Zahlreiche deutsche Akteure sind zum Teil seit vielen Jahren in der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit engagiert. Diese Akteure reichen von den Bundesministerien und den Institutionen ihrer Ressorts über die Bundesländer, die Sozialpartnerorganisationen und Kammern bis zu Städten und Kommunen sowie Unternehmen. Neben dem BMBF engagieren sich weitere Bundesministerien in der Berufsbildungszusammenarbeit. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist weltweit der größte Förderer von Berufsbildungsprojekten, die Bestandteil jeder der rund 70 Kooperationen dieses Ressorts sind. Auch das Auswärtige Amt, auf dessen Initiative an über 20 Botschaften bereits Runde Tische zur Berufsbildungszusammenarbeit eingerichtet wurde, das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), das u. a. mit den deutschen Auslandshandelskammern (AHK) einen wichtigen Ansprechpartner fördert, und auch die Bundesministerien für Arbeit und Soziales, Landwirtschaft und Ernährung sowie Umwelt unterstützen die Berufsbildungszusammenarbeit mit Kooperationen und Projekten.
Die Anzahl an deutschen Berufsbildungsprojekten im Ausland ist durch das große Engagement auch nicht-staatlicher Akteure nicht quantifizierbar, zumal die Grenze zwischen „echten“ Berufsbildungs-projekten und Projekten zur Qualifizierung fließend ist und die unmittelbar von Unternehmen an den jeweiligen Standorten betriebenen Maßnahmen zur Fachkräftesicherung nicht erfasst werden.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), innerhalb der Bundesregierung federführendes Ressort für die nationale Abstimmung der Akteure, engagiert sich derzeit in 16 Berufsbildungskooperationen, die von GOVET fachlich begleitet werden.

Das Interesse an deutscher Berufsbildung hat dabei in den letzten zehn Jahren an Dynamik gewonnen.

 
Als wesentliche Ursache dafür wird regelmäßig die Stabilität des Berufsbildungssystems während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise angeführt, die in Ländern mit vollschulischen Systemen eine teilweise bis heute anhaltende hohe Jugendarbeitslosigkeit zur Folge hatte. Die OECD, die früher einen höheren akademischen Bildungsanteil in Deutschland forderte, empfiehlt in den jüngeren Bildungsberichten die deutsche Berufsbildung als Good Practice.

Gleichzeitig hat auch Deutschland ein eigenes Interesse an der Zusammenarbeit in der Berufsbildung. Die deutsche Wirtschaft benötigt nicht nur in Deutschland, sondern auch an den zahlreichen Auslandsstandorten Fachkräfte für die Produktion komplexer Waren und Dienstleistungen. In der Entwicklungszusammenarbeit ist Berufsbildung ein wesentlicher Baustein um individuelle und gesellschaftliche Perspektiven zu schaffen und auch bildungspolitisch ist ein enger Austausch mit Partnern auf der ganzen Welt unerlässlich für die stetige Verbesserung des eigenen Berufsbildungs-systems und zur Generierung von Antworten auf neue Herausforderungen, von denen die Digitalisierung sicherlich das aktuell prominenteste ist.

Auch in anderen Ländern erhalten junge Menschen durch das duale System die Möglichkeit, bereits während der Ausbildung im Betrieb praktische Fertigkeiten zu erlangen. (Bild: GOVET)

Warum ist auch Deutschland bestrebt, das duale System von anderen Nationen adaptieren zu lassen und nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl der Kooperationsländer?

Die deutsche Wirtschaft benötigt nicht nur in Deutschland, sondern auch an den zahlreichen Auslandsstandorten Fachkräfte für die Produktion komplexer Waren und Dienstleistungen In der Entwicklungszusammenarbeit ist Berufsbildung ein wesentlicher Baustein um individuelle und gesellschaftliche Perspektiven zu schaffen. Bildung ist ein weltweites humanes Gut, ihre Qualität ein Menschheitsanliegen. Bildungspolitischer Austausch mit Partnern auf der ganzen Welt dient zudem der Verbesserung auch des eigenen Berufsbildungssystems ist eine „soft power“ in den internationalen Beziehungen.

Die Auswahl der Kooperationsländer folgt bildungspolitischen teilweise auch wirtschaftspolitischen Interessen, so dass unter diesen Partnern zahlreiche führende Industrieländer und besonders dynamische Schwellenländer zu finden sind. Gemäß diesem Anspruch ist es nur folgerichtig, dass Anfragen anderer Länder, mit Blick auf die Ressortzuständigkeit, die Interessen der Bundesregierung und die vorhandenen Ressourcen regelmäßig nicht in eine Kooperation münden, sondern durch Maßnahmen außerhalb einer formalen bilateralen Kooperation oder Vermittlung an andere deutsche Akteure beantwortet werden.

Kooperationswünsche kamen dabei zuletzt insbesondere aus den Regionen Lateinamerika, Afrika, Süd-Ost Europa und der Kaukasusregion.

Gibt es Kooperationen, bei denen Deutschland schaut, welche positiven Aspekte aus anderen Ländern nach Deutschland übertragbar sind?

Natürlich ist die Bundesregierung und somit auch GOVET stets daran interessiert Beispiele guter Praxis im Ausland zu identifizieren und somit zu einer Verbesserung unseres nationalen Berufsbildungssystems beizutragen. Bei der Vielzahl kritischer Stimmen innerhalb Deutschlands entsteht jedoch ein aus internationaler Perspektive etwas verschobener Eindruck. Natürlich muss sich auch das deutsche Berufsbildungssystem Herausforderungen stellen, im internationalen Vergleich sind wir jedoch insgesamt sehr gut aufgestellt. Bei aktuellen Themen, wie beispielsweise derzeit bei den Möglichkeiten zur Anerkennung informell oder non-formal erworbener Kompetenzen oder der Digitalisierung, schauen wir natürlich, ob es in anderen Ländern bereits Lösungen gibt, die auf Deutschland übertragbar sind. Da sich die Berufsbildung sehr stark an den Anforderungen aus der Wirtschaft orientiert, sind auch nicht alle Ansätze auf unsere nationalen Erfordernisse übertragbar. Deutschland steht durch seine Arbeit in den europäischen Gremien in ständigem engem Austausch mit den Berufsbildungssystemen der EU-Mitgliedsstaaten und engagiert sich zudem in zahlreichen multilateralen Organisationen, wie UNESCO-UNEVOC, CEDEFOP oder OECD, in denen gemeinsam nach Lösungen für Herausforderungen gesucht wird.

GOVET ist die Zentralstelle der Bundesregierung für internationale Berufsbildungskooperation im Bundesinstitut für Berufsbildung.

GOVET ist die Zentralstelle der Bundesregierung für internationale Berufsbildungskooperation im Bundesinstitut für Berufsbildung.

Welche Aspekte sehen Sie kritisch in der „Übertragung“ auf andere Länder? Dem deutschen Bildungswesen wird innerhalb Deutschlands ja teilweise vorgeworfen, zu träge zu sein (u.a. durch den Föderalismus). Trifft das auch auf die berufliche Bildung zu? Wenn andere Länder ihr Bildungssystem reformieren, gäbe es Aspekte, die auch in Deutschland überdacht bzw. an denen gearbeitet werden müsste?

Das kritischste bei der Systemberatung ist aus den Augen zu verlieren, dass wir unsere Partner beraten und sie es sind, die das Tempo und die Inhalte der Zusammenarbeit auf einer systemischen Beratungsebene vorgeben. Staatliche Strukturen sind dabei grundsätzlich Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich eine Systemreform bewegen muss. Es geht nicht um die Übertragung eines Systems, sondern um eine sehr komplexe Leistung der Adaption an die in jedem Land spezifischen Rahmenbedingungen.
Die wesentlichen Elemente des deutschen dualen Systems, allen voran die fünf Kernelemente (enge Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft, das Lernen im Arbeitsprozess und die Kooperation von Schule und Betrieb, die Akzeptanz von Standards guter Ausbildung und guter Arbeit, aber auch die stetige Qualifizierung des Berufsbildungspersonals und die institutionalisierte Berufsbildungs- und Arbeitsmarktforschung) haben sich bewährt und dienen als erste Ansatzpunkte für Beratungsthemen.

Wie bei fast allen politischen Fragen gibt es letztlich keinen „Königsweg“. Bei den Abwägungen in die eine oder andere Richtung ist es stets so, dass es Vor- und Nachteile gibt, so wie bei dem Ihrerseits als Beispiel angeführten Föderalismus.

Aus einer deutschen Perspektive sehen wir hier gerne die vermeintlichen Schwächen, vergessen jedoch, dass aus der Dezentralisierung der Entscheidungen auch viele Vorteile resultieren, die zentralistisch wesentlich schwieriger zu bewältigen sind.

 

Zudem hat gerade das duale System seine Anpassungsfähigkeit in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt unter Beweis gestellt. Besonders bei großen Zukunftsthemen wie dem globalen Wandel der Arbeitswelt und den veränderten Anforderungen an die Berufsbildung durch Digitalisierung ist der Austausch mit den Partnerländern immer auch als Lernen voneinander zu verstehen.

Vielen Dank an Herrn Dr. Hermann für das Interview.

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